*Inhaltsverzeichnis

 

Für Natasha

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Einleitende Worte 2018

(Persönliche Eindrücke und Reflektionen des Autors zum Mordfall – Die Ermittlungsakten stehen der Öffentlichkeit endlich zur Verfügung – Quellenangaben – Danksagung)

1.- Vorwort: Ein Brief mit sieben Siegeln

(Gerüchte und Verschwörungstheorien: Die Spur zum langjährigen persönlichen Assistenten und engen Vertrauten Sedlmayrs; die Spur zum Privatsekretär Werner Dahms; die Spur zur jugoslawischen Waffenmafia; Meinungen der Öffentlichkeit zum Mordfall)

2.- Einleitung: Ein weiß-blauer Pfundskerl

(Die gesellschaftliche Einstellung in Deutschland bezogen auf Homosexualität im Jahre 1990 – Reaktion der Öffentlichkeit und Rufmord an Walter Sedlmayr nach Bekanntwerden des Mordes durch die Medien – Kurzer Abriss der Biografie Sedlmayrs)

3.- Die letzten Wochen und Tage

(Kurzbiografie von Privatsekretär Werner Dahms – Eröffnung der Gaststätte ‚Beim Sedlmayr‘ im Januar 1989 und die darauffolgenden Probleme  – Das Zerwürfnis zwischen Walter Sedlmayr und seinem langjährigen persönlichen Assistenten im Frühsommer 1990 – Kurzbiografie des Assistenten und ausführliche Beschreibung seines Charakters)

4.- Die letzten Stunden

(14.Juli 1990: Walter Sedlmayr lässt Gaststätte schließen – Besuch seiner Angestellten in dessen Wohnung und ihre Schilderungen bezüglich Sedlmayrs Gemütszustands – Die letzten Telefonate und Notizen des Schauspielers)

5.- Der Freistaat Bayern hat einen Skandal!

(15.Juli – 1.Oktober 1990: Auffinden der Leiche durch Privatsekretär Dahms und seine Fälschung eines Testaments – Polizei und Rettungsdienst treffen am Tatort ein – Die ersten Vernehmungen – Öffentliche Hinrichtung Sedlmayrs durch Medien – Die Trauerfeier – Razzia bei Sedlmayr-Assistenten – Festnahme von Werner Dahms – Walter Sedlmayrs Erben)

6.- Die Ermittler unter Erfolgsdruck

(Ermittlungen im Homo-Milieu – Die ersten Tatverdächtigen: der Assistent und der Privatsekretär – Kurzbiografie vom Halbbruder des Sedlmayr-Assistenten und Vertrauten – Der Tathergang kann rekonstruiert werden – Überprüfung von Alibis – Möglicher Mittäter Roman M. wird durchleuchtet)

7.- Schuldig aufgrund Indizien

(Verhaftung von Sedlmayr-Assistent  im Juli 1991 – Fahndung nach dessen Halbbruder und anschließende Festnahme – Der Prozess und das folgende Urteil im Mai 1993 – Unterschiedliche Meinungen zum Urteilsspruch – Was in den Jahren danach geschah)

8.- 2004: Der dritte Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens

(Ein Fingerabdruck kann identifiziert werden – September 2004: der Halbbruder stellt Antrag auf Wiederaufnahme – Die Spur zum „dritten Mann“ Ralf Z. führt nach Spanien – Kurzbiografie und Fotos von Ralf Z. – Dessen Verbindung zu Roman M. – Ablehnung des Wiederaufnahmeverfahrens vom Landgericht Augsburg im April 2005)

Nachwort 2018

(Einschätzung des Autors zur Spur zum „dritten Mann“ – Persönliche Theorie von Sedlmayrs Redenschreiber Hannes Burger zum Mordfall – Persönliche Theorie des Autors – Überfällige Generalabsolution Sedlmayrs in der Öffentlichkeit)

Appendix

(Diverses – November 2016: Erneute Niederlage für „Sedlmayr-Mörder“ vor Gericht! – Februar 2017: Häufig gestellte Fragen an den Autoren – Juni 2018: Neues Urteil lässt „Sedlmayr-Mörder“ dumm dastehen!)

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*Einleitende Worte 2018


„Und er sprach zu ihnen: Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“ –
NT Markus, 4,9


 

„Und wäre Walter Sedlmayr nicht selbst das tragische Opfer gewesen, so hätte dieser Kriminalfall genau zu den schaurigen Geschichten gehört, die ihn immer faszinierten, weil sie im kleinbürgerlichen Alltagsmilieu passierten; weil geheimnisvolle Zusammenhänge seine misstrauische Neugierde weckten und immer seine Lust am Spekulieren anstachelten.“

– Hannes Burger, Redenschreiber für Walter Sedlmayr (1982-1990)

 

Im April 2016 kramte ich meinen Bericht über den Mordfall Walter Sedlmayr hervor, den ich im Sommer 2006 geschrieben hatte. Ich las ihn mir durch und war mit dem Text überraschenderweise sehr zufrieden, was mich am Ende dazu bewogen hat, ihn kurz darauf, am 25.April 2016, öffentlich ins Netz zu stellen. Endlich!

Zwischen April 2016 und November 2017 erweiterte und aktualisierte ich den Text. Ich setzte zahlreiche neue Erkenntnisse ein, die ich finden konnte, aber ansonsten ist es eine akkurate Zusammenfassung der Ereignisse aus der Sichtweise des Jahres 2006, noch bevor die verurteilten Halbbrüder  kurz darauf aus der Haft frühzeitig entlassen wurden. Anschließend wollten sie gerichtlich verbieten lassen, daß künftig ihre vollständigen Namen und Fotos in Zusammenhang mit der Tat öffentlich genannt bzw. publiziert werden, doch ihre Klage wurde am Ende vom Bundesgerichtshof -BGH- in Karlsruhe im Dezember 2009 abgeschmettert. Man argumentierte, daß ein anerkennenswertes Interesse der Öffentlichkeit daran bestehe, auch vergangene zeitgeschichtliche Ereignisse zu recherchieren. Außerdem wurde angemerkt, daß dieser bedeutende Fall deutscher Kriminalgeschichte es rechtfertigen würde, daß die Namen der verurteilten Brüder im Internet veröffentlicht seien. Auch die Online-Plattform Wikipedia wurde von dem Brüderpaar ins Visier genommen, nachdem dort ein Eintrag mit den vollständigen Namen der beiden veröffentlicht wurde. Ihre Bemühungen stießen in Amerika jedoch auf taube Ohren, und die New York Times sprach im November 2009 in einem Artikel von John Schwartz Verwunderung über den eifrigen Tatendrang der beiden Brüder aus. Zuletzt sorgte vor allem der damals Hauptschuldige im Prozess, den man als engen Vertrauten und Assistenten Sedlmayrs bezeichnen kann, für Schlagzeilen: im November 2016 verlor er einen Prozess, als er an angeblichen Familienschmuck, der auch im Mordfall Sedlmayr eine Rolle spielte, gelangen wollte. Dann, im Juni 2018, erlebte er eine weitere Pleite vor Gericht, bei der er erfuhr, daß sein Name, als auch der Name des Halbbruders, immer noch in Online-Archiven genannt werden dürfen.

Ein Jahr zuvor, im Juni 2017, hatte es dann auch mich erwischt: es meldete sich eine Kölner Rechtsanwaltskanzlei, die sich auf Medien- und Markenrecht spezialisiert hat und mich im Auftrag seines Mandanten – natürlich der Sedlmayr-Vertraute – aufforderte, seinen Namen zu ändern, sowie die entsprechenden Fotos zu löschen. Man stützte sich hier auf einen Urteilsspruch aus der jüngsten Vergangenheit, dem ein ähnlicher Fall zugrunde lag – und von dem ich fatalerweise nichts wusste. Außerdem teilte mir der zuständige Anwalt telefonisch mit, daß meine Webseite gleich auf Platz vier bei Google erscheint, wenn man den Namen des langjährigen Sedlmayr-Vertrauten eingibt. Da ich weder die Zeit noch die Muse auf eine längere Oper hatte, geschweige denn die angedrohten €5000, änderte ich seinen Namen kurzerhand ab, löschte die angemahnten Fotos und ersetzte diese, indem ich sie zensierte, so dass das Gesicht des persönlichen Assistenten Sedlmayrs unkenntlich wurde. Er wird von mir nachfolgend ‚Amadeus Wendler‘, und sein Halbbruder ‚Martin Langer‘ genannt. (Fotos der beiden Halbbrüder sind natürlich an anderer Stelle im Netz relativ leicht zu finden. Es handelt sich dabei in erster Linie um Bilder, die während des Prozesses Anfang der 90er Jahre entstanden sind). Abschließend sollte ich vielleicht noch erwähnen, daß das öffentliche Interesse an der Person ‚Wendler‘ nicht ganz so groß ist, wie er selbst vielleicht annimmt: seit ich diese Seite im April 2016 öffentlich machte, wurde laut meiner Statistik bis Juni 2017 nur siebzehn Mal sein Name über oben genannte Suchmaschine eingegeben, woraufhin Besuche auf diese Webseite erfolgten. Siebzehn Aufrufe in vierzehn Monaten – das ist ungewöhnlich wenig, wenn man sich vergegenwärtigt, daß dieser Mordfall ja der aufsehenerregendste in der deutschen Nachkriegsgeschichte war! Offiziell führt sein Anwalt an, daß ‚Wendler‘ durch die Berichterstattung keinen Arbeitsplatz fände, da potentielle künftige Arbeitgeber seinen Namen googlen, und somit auf dessen dunkle Vergangenheit stoßen würden. Dies ist zunächst ein handfestes Argument, dem man schlecht etwas entgegensetzen kann. Ob allerdings ein mittlerweile Mitte 60jähriger generell Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, steht auf einem anderen Blatt. Der ganze Spaß – der Anspruch auf Kostenerstattung – erleichterte mich im übrigen um €1.019,83.

Was den Mordfall für mich immer noch interessant macht, ist die Tatsache, daß die Verurteilten vor Gericht stets ihre Unschuld beteuerten (allerdings liegen Teilgeständnisse vor, die sie später zurücknahmen, sowie einige Indizien, die für die Schuld der beiden sprechen). Dann gibt es noch immer die Spur zu mindestens einem dritten Mann, der mit ziemlicher Sicherheit an der Tat beteiligt gewesen ist und die 2004 Auslöser für einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens war, den Martin Langer leider erfolglos anstrengte. Für die Öffentlichkeit und das Gericht war der Fall erledigt: die beiden Brüder wurden verurteilt, der Fall ist somit abgeschlossen. Doch so einfach ist es meiner Ansicht nach nicht. Es steckt weit mehr dahinter, als wir annehmen.

Es ist kaum zu glauben, aber wir wissen bis heute nicht, wer Walter Sedlmayr mit dem Küchenmesser folterte. Wir wissen auch nicht, wer den 1000 Gramm schweren Hammer betätigte und den wehrlosen Schauspieler damit tötete. Auch ist nicht zweifelsfrei klar, wie viele Personen überhaupt in die Wohnung von Sedlmayr drangen und ihn überfielen. Hat er die Täter erkannt? Was wurde verbal ausgetauscht? Wie lange musste er leiden? Wußte Walter Sedlmayr, daß er sterben würde? Und warum war die Alarmanlage in seiner Wohnung abgestellt? Zu guter Letzt steht dann auch noch die Theorie im Raum, daß die jugoslawische Waffen-Mafia mit dem Mord etwas zu tun haben könnte, doch mittlerweile erscheint mir diese Behauptung als verzweifeltes Phantasiekonstrukt Wendlers, mit dem er in der zweiten Hälfte der 90er Jahre versuchte, aus der Haft entlassen zu werden. Wie ich jetzt zu dieser Erkenntnis gekommen bin, werde ich Ihnen gleich verraten.

  2689fhjMai 2016: Der Autor mit einem Autogramm des Schauspielers, sowie einer Sonderbriefmarke, die anlässlich Walter Sedlmayrs 60.Geburtstag 1986 aufgelegt wurde. Foto (c): Mäck

Mich selbst hat der Mordfall damals schon bewegt, als er geschah. Ich bin Baujahr 1978 und somit in den 80er Jahren u.a. mit der ‚Polizeiinspektion 1‘ großgeworden. Walter Sedlmayrs Humor hat mir ausgesprochen gut gefallen und ich kann mit Fug und Recht behaupten, daß er mein deutscher Lieblingsschauspieler war. Walter Sedlmayr hat ganz einfach „gepasst“. Guter Mann! Ich erinnere mich noch genau an dieses schauerlich-beklemmende Gefühl, das mich als elfjähriger Junge durchdrang, als der Mord am 16.Juli 1990 in der Tagesschau thematisiert wurde. Sowas hatte ich danach nie mehr wieder erlebt, zumindest nicht in dieser Intensität. In den Tagen danach las ich begierig sämtliche Artikel, die sich mit Walter Sedlmayr und dem Mord befassten, durch, und spürte damals schon instinktiv, daß gewisse Dinge bezüglich Sedlmayrs geheimgehaltenes Privatleben, die geschrieben und behauptet wurden, irgendwie nicht stimmen konnten. Meine späteren Recherchen bestätigten dann tatsächlich, daß ich recht hatte. Sein Tod ging mir sehr nah. Wenn es sich um eine andere Berühmtheit gehandelt hätte, wäre das Interesse meinerseits bei weitem nicht so groß gewesen. Die Artikel hatte ich damals ausgeschnitten und in eine Mappe geheftet, die zwei oder drei Jahre später verloren ging. 14 Jahre später, als klar wurde, daß ich aus beruflichen Gründen von meiner Heimatstadt Frankfurt am Main nach München ziehen würde, kam mir der Mordfall wieder in allen Einzelheiten ins Gedächtnis zurück, und nachdem ich das Grab, das Mordhaus und Walter Sedlmayrs Gaststätte vor Ort besuchte, beschloss ich, mich intensiver mit dem Fall zu beschäftigen. Heraus kam der nun vorliegende Bericht.

Als Quelle dienten mir die sehr ausführlichen und investigativen Berichte der Münchener Ausgabe der BILD-Zeitung, Münchner TZ und Münchner Abendzeitung, die zwischen 1990 und 1993, sowie 2004 und 2006 erschienen sind, wobei ich besonders bei den Berichten der BILD die Spreu vom Weizen trennen musste. Viele der dort angeführten Behauptungen stellten sich nach eingehenden Recherchen als geschmacklose Phantasiegebilde skandalsüchtiger Redakteure heraus.¹ Außerdem war das Fernseh- und Buchprojekt Die großen Kriminalfälle – Deutschland im Spiegel berühmter Verbrechen  aus dem Jahre 2000 von größter Wichtigkeit.² An dieser Stelle sei auch der Artikel für den Spiegel erwähnt, den die Journalistin Gisela Friedrichsen 1992 während des Prozesses schrieb. Des Weiteren habe ich mich aus Walter Sedlmayrs autobiografischen Text Alles nicht so wichtig (erschienen im Rosenheimer Verlagshaus, 1984) bedient und den großen Schauspieler daraus zitiert. Sedlmayr gibt an, den Leser hinter die Kulissen blicken zu lassen; damit meinte er seine Arbeit bei Film, Fernsehen und Theater. Weitaus interessanter wäre natürlich ein Einblick in sein Privat- und Seelenleben gewesen, doch das verbot sich von selbst. In meinen Bericht ließ ich außerdem Auszüge aus Hannes Burgers Nachruf einfließen. Burger hat mehrere Jahre eng mit Walter Sedlmayr zusammengearbeitet. Seine Erinnerungen bieten einen äußerst lebendigen und tiefgründigen Blick auf Sedlmayr. Von weiterem Interesse war  die TV-Dokumentation Der einsame Grantler (2000), die in groben Zügen das Leben und Schaffen von Walter Sedlmayr nacherzählt. Im Internet entdeckte ich 2006 einen sehr aufschlussreichen Briefauszug, den der verurteilte Assistent Sedlmayrs, Amadeus Wendler, 1995 in Haft verfasst hatte. Im Netz fanden sich nach 2006 unter anderem auch einige Audio-Aufnahmen, wie beispielsweise die Aussagen von Polizeipressesprecher Oliver Bendixen, der einer der ersten Personen am Tatort 1990 war. Zahlreiche Interviews, die später der damalige Ermittler Josef Wilfling für Funk und Fernsehen gab, waren ebenso unerläßlich. Private E-Mail-Korrespondenz mit Josef Wilfling und Hannes Burger erfolgte im Zuge der Internetveröffentlichung meines Berichts, also zwischen 2016 und 2018. Deren Ausführungen durfte ich für den Bericht verwenden. Ein weiteres wichtiges Zeugnis war ein Interview, das Wilfling zusammen mit Rechtsmediziner Prof.Dr.Eisenmenger 2015 für die Zeitung tz gab. Nicht ganz so wichtig, aber dennoch erwähnenswert sind die Schilderungen der Schauspielerin Sarah Camp, die 1989 und 1990 mit Walter Sedlmayr zusammenarbeitete. Ihre Erinnerungen sind in dem Buch Küchengeschichten nachzulesen.

Während meiner ersten, recht intensiven Studien der Zeitungsartikel in den Jahren 2004 bis 2006 stieß ich damals immer wieder auf Widersprüche und Fehlinformationen, die die Arbeit damals massiv erschwerten. Hier war ich auch der Gefahr ausgesetzt, Unwahrheiten zu übernehmen. Vor allem genaue Datenangaben waren zum Teil nicht exakt festzulegen. Als ich im Frühjahr 2016 anfing, meinen Report zu überarbeiten, bin ich die alten Presseartikel immer wieder durchgegangen und konnte mit einem aktuelleren und fundierteren Wissensschatz die entsprechenden Stellen des Originaltextes korrigieren.

Ende 2017 waren meine Recherchearbeiten vorerst beendet, da ich im Grunde genommen alle verfügbaren Quellen – seien es Presseartikel, Internetveröffentlichungen oder sonstige Publikationen zum Thema – durchforstet hatte. Bis jetzt! Im Sommer 2018 veröffentlichte die Münchner Journalistin, Autorin und Fotografin Petra Cichos ihr Buch Die Mordakte Walter Sedlmayr. Ihr großartiges Werk bietet 300 Seiten lang über 230 Ermittlungsakten zum Mordfall, die lange Zeit unter Verschluss gehalten wurden. Das Material umfasst die Jahre 1990 bis 2006. Mir gegenüber teilte sie jetzt mit, daß sie während ihrer knapp einjährigen Arbeit am Buch wirklich nichts ausgelassen habe, Seite für Seite der Akten durchgegangen ist und alle Details, die zur Erkenntnisdienung beitragen, ausgewertet hat. Die Fakten, die nun nachzulesen sind, beweisen auch, daß die sogenannte Jugo-Maffia sicher nichts mit dem Mord zu tun hatte.

Nun studierte und sichtete ich die Akten (dabei handelt es sich u.a. um Polizeiprotokolle, etliche Zeugenaussagen und unzählige Vermerke) und habe die wichtigsten Informationen, die sich mir boten, Stück für Stück in den unten stehenden Text auszugsweise eingeflochten, um somit einen noch ausführlicheren Report über den grausamen Mordfall der Öffentlichkeit – also Ihnen! – präsentieren zu können. Es ist selbstverständlich, daß sämtliche Namen der von der Polizei befragten Personen aus Datenschutzgründen und aus Wahrung der Privatsphäre nicht genannt werden dürfen, obgleich mir viele davon bekannt sind. Die einzige Ausnahme bildet eine kleine Gruppe von Personen, die damals, 1990 und/oder darüber hinaus, von sich aus und mit voller Namensnennung an die Öffentlichkeit gingen und der Presse für Funk, Fernsehen oder Zeitung freimütig Interviews gaben, sich manchmal auch ablichten ließen oder sogar vor laufende Fernsehkameras traten, wie zum Beispiel der Privatsekretär Sedlmayrs.

Dank der Hinzufügung wichtiger Fakten, die in den Akten zu finden waren, möchte ich meinen Report nun als ultimativ bezeichnen. Allerdings werde ich den Text natürlich künftig aktualisieren, immer dann, wenn mir neue Erkenntnisse und Einsichten zugespielt werden, die von Relevanz sind. Dabei ist es oberste Priorität und mein größtes Anliegen, daß der Lesefluß nicht gestört wird und ich mich nicht zu sehr in Details verliere. Wer sich trotz allem für weitere eingehende Informationen bezüglich des Mordfalls und der damaligen Polizeiarbeit interessiert, dem sei das oben erwähnte Buch von Petra Cichos sehr ans Herz gelegt. Für mich, dem es natürlich nie gestattet war, Einblick in die Akten zu erhalten, ein einmaliger Fundus an Informationen.

Der Mordfall Walter Sedlmayr, so scheint es, ist eine Never-Ending-Story und das Interesse der Öffentlichkeit ungebrochen. Das beweisen auch die vielen täglichen Aufrufe auf diese Seite und Anfragen, die stetig reinkommen. Mein Report wird außerdem weiterhin kostenfrei für jeden zur Verfügung stehen, selbst, wenn er eines Tage die Ausmaße eines Buches annehmen sollte. Es ist wichtig, daß die Öffentlichkeit sich ohne weiteres und uneingeschränkt über den Mordfall informieren kann. Er darf zudem nicht vergessen werden!

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Der wahrscheinlich letzte öffentliche Auftritt: Walter Sedlmayr zu Gast beim ‚Schrobenhausener Spargelmarkt‘, Samstag, 26.Mai 1990. Nur wenige Wochen später wurde er umgebracht. Foto: Schwegler

Bei einigen der Fotos, die ich verwendet habe, war es mir leider nicht möglich, die jeweiligen Fotografen oder Eigentümer zu identifizieren. Über Hinweise zu diesen Personen wäre ich sehr dankbar.

Ein großer Dank geht raus an diejenigen, die mir bisher weitergeholfen haben: Josef Wilfling, einer der damaligen Ermittler im „Mordfall Sedlmayr“, Hannes Burger (Walter Sedlmayrs Redenschreiber), Petra Cichos (Autorin des Buches Die Mordakte Walter Sedlmayr), Harry Baer (Schauspielerkollege Sedlmayrs aus der Ära Rainer Werner Fassbinder), Karin Sollinger (eine Mitarbeiterin der Stadt München), Dr.Wolfgang Beckstein (Staatsanwaltschaft München), Florian Hirschauer (Kriminaloberkommissar), Barbara Seebald (Stadtarchiv München), Angelika Betz (Bayerische Staatsbibliothek), Heinz Gebhardt (Pressefotograf), Manfred Edelmann (Stadt Schrobenhausen), Max Reiser (Informationen zu Privatsekretär Werner Dahms), Robert Windirsch (Informationen zur Schwester der verurteilten Halbbrüder), Natasha und Susan (zwei ehemalige Arbeitskolleginnen, die meine permanenten Monologe zum Thema „Mordfall Sedlmayr“ und zur Person Walter Sedlmayr mit erstaunlicher Ruhe und Gelassenheit ertrugen), Marcel Langer (für dieses und jenes), KALLE (für beste Unterhaltung), Thorsten Müller (internettechnische Beratung), sowie an Dietmar Weiß für zusätzliches Fotomaterial.

 

Mark Kaufmann

München, 14.Oktober 2018.

 

¹Ich muß bei der älteren Dame, die für die “Münchner Tageszeitung” im Archiv arbeitete, einen seltsamen Eindruck hinterlassen haben. Während ich mir die Zeitungsausschnitte, die sich mit dem ‘Mordfall Walter Sedlmayr’ befassten und chronologisiert und datiert in einem Pappkarton ruhten, erstmals durchlas, stellte sie mir neugierige Fragen: ob es denn neue Erkenntnisse gäbe. Ob ich Herrn Sedlmayr persönlich gekannt hätte. Ich mußte beide Male leider verneinen. Ich war nur eine Privatperson, die sich für den Fall interessiert. Das war ihr irgendwie nicht geheuer. Nur Wochen später war der Fall, wie es der Zufall will, wieder Schlagzeile Nummer eins, als einer der beiden Verurteilten ein Wiederaufnahmeverfahren anstrengte.

²Die Folge, die den Sedlmayr-Mord thematisiert und erstmals am 29.Juni 2000 im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt wurde, ist gegenwärtig nicht im Internet zu finden. Lediglich eine im Jahre 2014 vom Privatsender ‚Kabel1‘ produzierte, knapp 15-minütige Reportage ist abrufbar, die Namen und Gesichter der verurteilten Brüder sind zensiert worden.

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1.- Vorwort: Ein Brief mit sieben Siegeln

 


“Eine halbe Wahrheit ist nie die Hälfte einer ganzen.”Karl Heinrich Waagerl (1897-1973), österreichischer Schriftsteller


 

Im April 2005 wies man den dritten Antrag auf ein Wiederaufnahmeverfahren, der vom mutmaßlichen Sedlmayr-Mörder Martin Langer beantragt wurde und seit dem 23.September 2004 beim zuständigen Landgericht Augsburg vorlag, ab.

Am 21.Mai 1993 wurden er und sein Halbbruder Amadeus Wendler zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, doch beide bestritten vor Gericht den Mord an dem Volksschauspieler und kämpften seither um ein Wiederaufnahmeverfahren (das Landgericht Augsburg hatte bereits 1998 und 2001 Anträge auf ein Wiederaufnahmeverfahren abgelehnt).

1998 konnte schließlich ein bis dahin nicht identifizierbarer Fingerabdruck aus Sedlmayrs Wohnung dem Ingolstädter Ralf Z. zugeordnet werden, der nun Auslöser für den dritten Antrag Langers war. Aber auch diese “neue” Erkenntnis konnte ein Wiederaufnahmeverfahren nicht ins Rollen bringen. Oberstaatsanwalt Jungnick von Wittken, damals der Ankläger im Indizienprozess gegen die Halbbrüder, meinte dazu: “Das Urteil (gegen Langer und Wendler) ist hervorragend. Selbst wenn eine Fingerspur an der Duschkabine auf einen weiteren Mann hinweist, ist das kein Indiz für dessen Täterschaft”.

Auch einer von Wendlers Anwälten, Hans-Dieter Klumpe, gab sich wenig zuversichtlich. In einem an mich adressierten Brief vom 15.Oktober 2004 schrieb er: “In der Sache selbst ist leider der Hinweis auf den (…) Zeugen hier bereits seit längerer Zeit bekannt, wobei aufgrund der Umstände nicht davon ausgegangen wird, daß hier ein erfolgreiches Wiederaufnahmeverfahren für zulässig erklärt wird”.

Ein Versuch war es dennoch wert.

*

Der Mordfall Walter Sedlmayr ist ein Brief mit sieben Siegeln und es hat den Anschein, als sei man von offizieller Seite her nicht daran interessiert, Licht ins Dunkel zu bringen.

Gerüchte und Verschwörungstheorien gibt es reichlich. Einer der ersten, der von einer Verschwörung sprach, war der damalige Geschäftsführer des Lokals Beim Sedlmayr, Nick Pointner: “Erst wurde der Streit (zwischen Sedlmayr und Wendler) bekannt, dann wurde Wendlers Ruf ruiniert (durch einen Artikel der Münchner Abendzeitung), anschließend wurde Sedlmayr ermordet”.

Viele Münchner Bürger, die den Fall interessiert verfolgten, sind damals wie heute der Meinung, daß die Brüder Wendler und Langer unschuldig seien und hinter dem heimtückischen Mord mindestens ein ranghoher, bayerischer Politiker stecke, der den grantelnden Walter Sedlmayr unbedingt aus dem Weg räumen mußte. Sedlmayr galt als äußerst spitzfindig und war Intimus der Münchner Schickeria. Wußte er vielleicht zuviel? (Der Autor dieser Zeilen bewertet diesen Gedankengang als ausgemachten Mumpitz und völlig haltlos.)

Dann gibt es Stimmen, die spekulierten, daß Amadeus Wendler den Mord plante und ihn dann mit seinem Halbbruder Martin Langer und mindestens einer  weiteren Person im Bunde ausführte. Fakt ist, daß das Mordwerkzeug, ein 1000 Gramm schwerer Schlosserhammer, aus dem Besitz Martin Langers stammte. Tatsache ist auch, daß Flockfasern, die am Tatort sichergestellt wurden, auch an Kleidungsstücken der Brüder vorhanden waren, die die Ermittler später entdeckten. Zu guter letzt konnte der Fingerabdruck an der Duschkabine dem vorbestraften Ralf Z. zugeordnet werden, der laut Experten zufolge „unmittelbar vor oder nach der Tat dorthin gelangte“.

Gegner dieser These kontern damit, daß Wendler seinen Besuch bei Walter Sedlmayr telefonisch ankündigte. Er hätte zumindest vermuten können, daß der Schauspieler mit anderen über dieses Telefonat sprechen würde – was er tatsächlich auch tat! Das große Zerwürfnis zwischen den beiden war zumal der Öffentlichkeit bekannt und somit wäre es klar gewesen, daß man ihn als eine der ersten Personen verdächtigen würde. Außerdem: ruft man sein späteres Opfer an und teilt ihm mit, noch vorbeikommen zu wollen? Das macht wenig Sinn. Auch ist sein Emotionsausbruch vor Gericht erwähnenswert: als der Richter ihn schuldig gesprochen hatte, flippte Amadeus Wendler vor Zorn aus – so reagiert nur einer, der unschuldig bestraft wird. Ebenso interessant ist die Tatsache, daß der Hammer, mit dem man den Schauspieler ermordete und der aus dem Besitz Martin Langers stammte, am Tatort zurückgelassen wurde. Wenn das Mordwerkzeug aus dem eigenen Haushalt stammt, setzt man dann nicht alles daran, dieses nach der Tat verschwinden zu lassen, um den Verdacht nicht auf sich oder auf das eigene engere Umfeld zu lenken?

Unbenannt (300)

Walter Sedlmayr mit seinem langjährigen persönlichen Assistenten und Geschäftspartner ‚Amadeus Wendler‘ vor der neu eröffneten bayerischen Gaststätte „Beim Sedlmayr“, Januar 1989. Foto (c): SZ Photo

Erster Tatverdächtiger 1990 war Sedlmayrs Privatsekretär und Chauffeur Werner Dahms (damals 27 Jahre alt), in dessen Umfeld 1984 schon einmal ein ungeklärter Mord geschah. Jedoch hatte Dahms für die fragliche Zeit ein Alibi – von seiner treuen Frau Laurence – und man konnte ihm lediglich nachweisen, ein Testament, aus dem er quasi als Alleinerbe hervorging, und einen Mietvertrag gefälscht zu haben. Vor allem das Niederschreiben von Sedlmayrs letztem Willen, den er Stunden nach Auffinden der Leiche anfertigte, bewies, wie niederträchtig und eigennützig dessen Antriebe waren. Jedoch erfordert Dokumentenfälschung großes Fingerspitzengefühl und Erfindungsgabe – beides Eigenschaften, die Dahms nicht besaß. Das Testament, noch dazu mit Schreibmaschine geschrieben, enthielt zahlreiche Rechtschreib- und Flüchtigkeitsfehler.

Geldgier schien bei Dahms ohnehin an erster Stelle zu stehen: nur wenige Tage nach dem Mord wollte er Kapital aus der Geschichte schlagen und gab einem Klatschblatt ein Exklusivinterview, für daß er einen fünfstelligen Betrag verlangte (und ihn nicht erhielt, weil er sich verpflichtete, die Wahrheit zu sagen und dies nicht tat). Die damaligen Ermittler sahen in ihm einen aalglatten Intriganten, der sich bei den Vernehmungen schnell in Widersprüche verwickelte und seinen „Nebenbuhler“ Amadeus Wendler schwer belastete.

Wenn Dahms so aalglatt und berechnend war, wäre er dann auch in der Lage gewesen, eiskalt den Mord zu planen, ihn mit bezahlten Killern auszuführen und ihn danach wie einen Strichermord aussehen zu lassen? Obwohl er seit über zwei Jahren Sedlmayrs engster Vertrauter war, gab er an, von der Homosexualität seines Gönners nichts gewußt zu haben. Auch hatte Dahms uneingeschränkten Zugang zur Sedlmayr-Wohnung in der Elisabethstraße im Münchner Stadtteil Schwabing und zu Gegenständen, die noch aus dem Umfeld Wendlers stammten, wie beispielsweise der spätere Tathammer! In der Presse wurde berichtet, daß Martin Langer handwerklich begabt war und sich mindestens einmal in der Wohnung Sedlmayrs aufhielt, um Reparaturen vorzunehmen, und so ist es durchaus möglich, daß er den Hammer bei einer der Arbeiten vergessen und liegengelassen hatte. Werner Dahms kannte sich in der Wohnung bestens aus und könnte den Langerhammer bewußt als Mordinstrument gewählt haben, damit die Ermittler im Zweifelsfall auf Amadeus Wendler und letztlich auch auf Martin Langer stoßen würden. Es gilt auch als ziemlich sicher (aber nicht als 100%ig bewiesen), daß Walter Sedlmayr ein Testament anfertigte, aus dem Wendler als Haupterbe hervorgeht. Dieses Dokument war plötzlich verschwunden. Sedlmayrs Anwalt Robert Kübber wußte zu berichten, daß sein Klient noch wenige Wochen vor dessen Tod in seiner Anwaltskanzlei auftauchte und Wendler als seinen Alleinerben bezeichnete. Dabei war es auch nicht das erste Mal, daß der wohlhabende Schauspieler im Beisein Kübbers Wendler als seinen Erben angab.

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Walter Sedlmayr mit seinem Privatsekretär und Chauffeur Werner Dahms. Foto (c): dpa

Eine andere, zunächst nicht uninteressante Theorie besagt, daß die jugoslawische Waffenmafia dahinterstecke.¹ Ein deutscher Bekannter Sedlmayrs hätte großes Interesse gehabt, den Schauspieler ermorden zu lassen. Dieser hatte Kontakt zu Boro Matic, der bereits wegen schweren Raubes und Körperverletzung über drei Jahre einsaß und ein enger Bekannter von Petar Vrbatovic war (der Sedlmayr Ende der 80er Jahre des Öfteren seine Liebesdienste angeboten hatte). Im Ermittlungsverfahren hat das auch eine Rolle gespielt, aber diese Spur wurde fallengelassen, als man sich auf Amadeus Wendler konzentrierte. Wendler-Anwalt Hans-Dieter Klumpe dazu: „Mir lagen und liegen zahlreiche Zeugenaussagen vor, aus denen sich ergab, dass Hintergrund für den Mord an Walter Sedlmayr dessen Kontakte zur ‚Jugoslawischen Waffen-Mafia‘ waren und der tatsächliche Täter (Dragan Ott, Anm.) seiner Frau gegenüber die Tat glaubhaft eingeräumt hat. Dieser wurde später (Sommer 1993, Anm.) in Amsterdam in einem Gefecht mit der Polizei erschossen“. (Anm.: Das stimmt nicht! Ott wurde durch mehrere Messerstiche getötet. Der Täter stammte aus dem Drogen-Milleu. Ott selbst handelte damals mit XTC-Tabletten. Der Ermordung ging ein Streit voraus. So ist es in den Mordakten nachzulesen, der Eintrag wurde am 5.Januar 2000 vorgenommen. Außerdem galt seine Behauptung, daß er sich am Mordwochenende mit mehreren Personen im Raum Frankfurt am Main aufhielt, als hieb- und stichfest. Aktenvermerk der Ermittler, August 1990.) Boro Matic war im Oktober 1989, neun Monate vor der Ermordung Sedlmayrs, außerdem an einem Raubmord an einen 72-jährigen Förster beteiligt, der große Ähnlichkeit mit dem „Mordfall Sedlmayr“ aufwies. Der alte Mann wurde ebenfalls mit einem Hammer erschlagen. (Nachtrag: auch Vrbatovic war bei dieser Tat anwesend und wurde dafür 2009 in Kroatien zu acht Jahren Haft verurteilt. Matic erschoss im Januar 1995 in München einen Polizeibeamten und sitzt seitdem in Straubing ein. Näheres über den Polizistenmord finden Sie hier.)

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Es gibt also einige Tatmotive und noch mehr mögliche Tatverdächtige. Solange aber kein geständiger Täter präsentiert wird, kann der Mord an Walter Sedlmayr auch nicht restlos aufgeklärt werden.

Auf den folgenden Seiten gehe ich den letzten Wochen und Tage des Volksschauspielers auf den Grund. Die Zeit nach dem Mord (nahezu jeder Tag brachte eine neue Schlagzeile hervor) wird in Tagebuchform widergegeben. Über die Vorgehensweise der Ermittler wird eingegangen, sowie noch einmal auf den dritten Antrag von Martin Langer und dessen Hintergründe.

 

¹Ende der 80er Jahre operierte eine europaweit verzweigte Jugo-Mafia, die im Hehler-, Schmuggel- und Rauschgiftgeschäft aktiv war. Eine Sonderkommission sprengte allein in München einen Ring von 157 jugoslawischen Hehlern und Dieben, dem man 13 Einbrüche, 162 Diebstähle und 333 Fälle von Hehlerei anlastete.

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2.- Einleitung: Ein weiß-blauer Pfundskerl

 


“Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, daß sie nicht Trug reden.” – AT Psalm 34,14


 

Nach dem 15.Juli 1990 sollte im konservativen und strengkatholischen Bayern nichts mehr so sein wie vorher. Die stumpfen Werte der Zucht und Ordnung erlitten einen irreparablen Schaden, als bekannt wurde, daß ihr Vorzeigegrantler und Werbeträger des geschätzten Paulaner-Weißbiers tot in seiner Schwabinger Wohnung aufgefunden wurde. Der beliebte Volksschauspieler Walter Sedlmayr konnte bis zum letzten Atemzug der gesamten Nation seine Schattenseiten verheimlichen, die jetzt unmittelbar nach dem Mord mit geballter Kraft an die Oberfläche gezerrt wurden.

541055259Jede Neuigkeit aus seinem Privatleben schlug ein wie eine Bombe, so daß so mancher Urbayer seine frischgezapfte Maß’ Bier fallengelassen haben muß, als immer mehr Enthüllendes aus der Boulevardpresse zu erfahren war (die Auflagen der Münchner Tageszeitungen stiegen immer um 100 Prozent, wenn sie eine Sedlmayr-Schlagzeile brachten). Die Öffentlichkeit tat das, was sie am besten kann: sich das Maul zerreißen!

Das Schockierende für diese Scheinheiligen war nicht primär der Umstand, wie Sedlmayr ums Leben kam, sondern die Tatsache, daß ein Ehrenmann wie er homosexuell war und offenbar auch Kontakte zur Stricherszene hatte, eine zuweilen kriminelle und auch gefährliche Szene, die unmöglich in das weiß-blau getünchte Gesicht Bayerns passte.

Daß Walter Sedlmayr, dadurch, daß seine Neigungen zu jungen Männern unbedingt geheimgehalten werden mußte, praktisch gezwungen war, heimlich auf bezahlten Sex zurückzugreifen – so weit dachte man nicht. Zumal waren solch homosexuelle Kontakte zum damaligen Zeitpunkt verboten und stellten eine Straftat dar, so unglaublich das heute auch erscheinen mag.

Seine Fernsehrollen, die ihn jahrelang als einen eher biederen und familiären Bayern darstellten, kamen vielen jetzt plötzlich unglaubwürdig und irgendwie unpassend vor. Aber gerade diese offensichtlich große Diskrepanz zwischen seinem Privatleben und seinem öffentlichen Image beweist, daß er tatsächlich ein grandioser Schauspieler war. Seine wohl schwierigste und tragischste Rolle.

So gesehen wurde Walter Sedlmayr ein zweites Mal ermordet: von der Öffentlichkeit, von der Boulevardpresse, und natürlich auch von sämtlichen Schauspielerkollegen, wie zum Beispiel Uschi Glas, Elmar Wepper oder Ruth Drexel, die seiner Trauerfeier fernblieben und sich von Sedlmayr distanzierten, frei nach dem Motto: „Mit sowas wollen wir nichts zu tun haben“. Man wandte sich von Sedlmayr peinlich berührt ab – und somit scheint völlig klar zu sein, wer hier tatsächlich pervers gewesen ist. Walter Sedlmayr war es sicher nicht, auch, wenn die hetzerische Boulevardpresse es gerne so gehabt hätte.

Quasi über Nacht wurden bundesweit die übergroßen Werbeplakate der Paulaner-Brauerei überpinselt, die Walter Sedlmayr als den typischen, bierseligen Bayern darstellten (der Autor dieser Zeilen kann sich noch genau daran erinnern).

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Werbeplakat, 1990.

Walter Sedlmayr war klug genug gewesen, seine sexuellen Vorlieben vor der Öffentlichkeit geheimzuhalten. Ein Outing hätte seine enorm erfolgreiche und umfangreiche Karriere mit einem Schlag beendet, denn gleichgeschlechtliche Neigungen und Triebe galten 1990 immernoch als eine Art Todsünde, die man gerade dem populärsten bayerischen Schauspieler niemals zugestanden hätte (Sedlmayr erreichte in Deutschland zu Lebzeiten einen Bekanntheitsgrad von nahezu 100 Prozent).¹ Allerdings gibt es rückblickend einige sehr vielsagende Andeutungen, wenn man seine recht unterhaltsamen Reiseberichte, die zwischen 1977 und 1981 für den Bayerischen Rundfunk produziert wurden, aufmerksam betrachtet: immer wieder wurden attraktive junge Männer in Szene gesetzt, für die Folge Einmal Frankreich Und Zurück besuchten er und sein Kamerateam eine bunte Travestie-Show, und am Ende seiner Englandreise fanden sie sich vollkommen unverkrampft in einem Londoner Gay-Club wieder. Andere Schauspieler seiner Zunft hätten diese Lokalitäten vermieden.

*

Begonnen hatte Walter Sedlmayrs Karriere, der 1926 in München-Schwabing zur Welt kam, mit Auftritten bei den Münchner Kammerspielen Mitte der fünfziger Jahre, in denen er unbedeutende Charakterrollen spielte und parallel dazu in dümmlichen Heimatfilmen mitwirkte. Später hatte er kein Geheimnis daraus gemacht, diese Auftritte gehasst zu haben:

„In einem bayerischen Heimatfilm mußten vorkommen: ein dicker Pfarrer, seine Köchin, Bürgermeister, Jäger und Bauern ein bisschen rückständig, weil das angeblich komisch sein soll. Ein Großbauer oder der Wirt hatte oft einen Buam, der besonders deppert war, den durfte ich einige Male darstellen. Die Frauen, alle Ratschen und auch nicht ganz hell auf der Platte. Die Jungen raufen, lieben, tanzen und jodeln und kammerfensterln. Aber der depperte Bua ist sogar zum Fensterln zu blöd und fällt von der Leiter, oder der Vater erwischt ihn. Ich durfte in fünf Filmen von der Leiter fallen, in den Misthaufen. Viermal hat mich der Vater erwischt und gewatscht, und einmal bin ich so tief gestürzt, daß ich gestorben bin. Das war meine Lieblingsrolle“.

16425980_1249717281776364_109299891939342582_nIn den sechziger Jahren folgten weitere Minirollen in verschiedenen Fernsehserien, bis der große Wendepunkt in seinem Schaffen endlich 1973 eingeläutet wurde, als er 46-jährig den Hofkoch von König Ludwig II im Film “Theodor Hierneis oder wie man ehem. Hofkoch wird” mimte, für dessen Darstellung er das Filmband am Kreuze bekam.²

Um dieselbe Zeit hatte er auch mehrere Gastauftritte in einigen frühen Fassbinder-Filmen und zählte zu dessen Ensemble. Harry Baer, Schauspieler und Produzent, der damals zum inneren Kreis der Clique gehörte, weiß folgendes über Walter Sedlmayr zu berichten: „Er fiel mir durch seinen aberwitzigen Humor auf, den er immer zu Tage trug. Ausserdem kann ich mich noch erinnern, dass er immer total textsicher war.“

Der eigentliche Triumph Sedlmayrs wurden schließlich die Fernsehserien “Der Millionenbauer” und “Polizeiinspektion 1”, in der er von 1976 bis 1988 den Oberwachtmeister Franz Schöninger an der Seite von Bruni Löbel, Uschi Glas und Elmar Wepper überzeugend und mit viel Pfiff spielte. „Der Grantler“ wurde geboren.

Walter Sedlmayr: „Bayerische Schauspieler gab es genug, damals schon, aber einer hat gefehlt: der schwierige Bayer! Den habe ich allmählich zum Grantler gemacht. Der bayerische Grantler ist anders als der Wiener Grantler; der bayerische ist der Pessimist. Und die Figur hat mir nach drei Jahren gehört und im vierten Jahr wurden bereits Rollen geschrieben für diesen Grantler“.

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Walter Sedlmayr mit der großartigen Brigitte Mira im Fassbinder-Film “Angst essen Seele auf” (1974).

In den achtziger Jahren setzte er außerdem Maßstäbe als angriffslustiger und scharfsinniger Politikerkritiker beim bayerisch-traditionellen Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg, der nach wie vor alljährlich im März stattfindet.

Sein Redenschreiber Hannes Burger sagte dazu später: „Der Sedlmayr konnte mit dem Florett zustechen, mit einem zugespitzten kleinen Nebensatz. Meiner Meinung nach war er der beste Nockherberg-Derblecker von allen, aber er war unendlich schwierig. Er hat mich den Text oft dreimal umschreiben lassen“.

1985 erhielt Walter Sedlmayr das Bundesverdienstkreuz am Bande, das ihm Franz-Josef Strauß überreichte.

Im Sommer 1989 wollte man ihn mit dem Starlight-Preis für sein schauspielerisches Gesamtwerk ehren. Dabei schmiss er fast eine großangelegte Livesendung: „Ich sollt‘ am Schluß drankommen. Aber wie ich gesehen hab‘, wie die anderen das komische Ding da, den Preis in die Hand gedrückt kriegt ham und dann nur zu einem Dienerchen kurz vors Publikum treten durften, da bin ich einfach abgehauen“. Wochen später ließ er sich den Preis in einer eigens dafür anberaumten Pressekonferenz überreichen. Er hatte endlich einen Status erreicht, an dem er sich quasi alles erlauben konnte. Nach vielen Jahren der Mühsal, Nichtbeachtung und auch Erniedrigung lag ihm jetzt die ganze Fernsehbranche und auch das Publikum zu Füßen.

“Ein Pfundskerl”, wie man in Bayern so schön sagt. Doch so pfundig und beliebt der öffentliche Walter Sedlmayr auch war, so traurig, einsam und wohl auch zerrissen war er oft als Privatmann, immer in Sorge, daß sein Privatleben an die Öffentlichkeit gelangen könnte. Josef Wilfling, einer der Mordermittler im Fall Sedlmayr, sagte viele Jahre später dazu treffend:  „Er war ein Opfer der Intoleranz der damaligen Gesellschaft. Sedlmayr war ein einsamer Mann. Wäre er nicht zu diesem Doppelleben gezwungen gewesen, hätte er sich nie mit diesen Kriminellen eingelassen“. In einem TV-Interview führte er weiter aus: „Im Grunde genommen war er eine bedauernswerte Persönlichkeit, weil er ein Doppelleben führen musste. Er hatte die Wochenenden meistens sehr einsam verbracht; er hat strikt darauf geachtet, das seine sexuelle Veranlagung nicht nach außen dringt. Er hat das alles total abgeschirmt und hat dadurch natürlich in gewisser Weise ein sehr isoliertes Leben geführt“.

Hannes Burger sagte unmittelbar nach Bekanntwerden des Todes Sedlmayrs, daß er Mitleid mit dem Schauspieler empfinde: „Er wusste, wie man sich beim Publikum beliebt macht. Aber er hat es nie verstanden, diese Fähigkeiten in seinem persönlichen Umfeld zu Nutze zu machen. Trotz viel Geld und Erfolg blieb Walter Sedlmayr ein einsamer Mann“. Während seiner Trauerrede sagte Burger außerdem: „Und ehrlich gesagt: er war unbequem und manchmal unausstehlich. Aber dann wieder entfaltete er einen unheimlichen Charme, eine liebenswürdige, ja fast verlegene Hilflosigkeit“.

Private Einladungen schlug Walter Sedlmayr in der Regel aus und ging auch so gut wie nie in Lokale. Auch sonst nahm er am öffentlichen Leben nicht teil: er ging weder ins Kino oder Theater, noch in Ausstellungen oder Museen. Er blieb am liebsten in seiner Wohnung und widmete sich seinen Antiquitäten und hörte dabei klassische Musik. Wenn er Besuch empfing, dann fast ausschließlich nur seinen Assistenten Amadeus Wendler („Bis zu unserem Streit war ich viel mit ihm zusammen!“) und den Privatsekretär Werner Dahms (Sedlmayr und er teilten sich in dessen Schwabinger Wohnung ein Büro, wo sie sich gegenüber saßen), sowie einige wenige Bekannte aus der Fernseh- und Verlagsbranche, wobei das dann geschäftliche Zusammenkünfte waren.

Sein Privatleben verlief geruhsam und war von strikten Gewohnheiten geprägt. Meist stand er bereits gegen 5 Uhr auf. Um 12 Uhr wurde stets pünklich zu Mittag gegessen, danach hielt der Schauspieler einen Mittagsschlaf. Nachmittags trank er Tee. Abends aß er meist zwei Brötchen, dazu Wurst, Käse oder auch mal Lachs, und legte sich gegen 22 Uhr schlafen.

 

¹Walter Sedlmayrs sexuelle Veranlagung war zwar dem Fernsehpublikum verborgen geblieben, aber innerhalb seiner Schauspielerkollegen wußte man bescheid. Sogar die Presse hatte davon Kenntnis, behielt aber diese brisante Information für sich. Das änderte sich, als bekannt wurde, daß man Sedlmayr erschlagen aufgefunden hatte.

²Eigentliche Berühmtheit erlangte Sedlmayr jedoch bereits 1971, als in seinem Feldmochinger Haus, das er mit seiner Mutter bewohnte, die gestohlene ‚Blutenburger Madonna‘ (Wert: 2 Millionen Mark) gefunden wurde. Eine knappe Woche saß Sedlmayr in Untersuchungshaft, doch man konnte ihm letztlich nichts nachweisen. Ein bitterer Nachgeschmack blieb. Harry Baer dazu: „Ich kann mich an ein Gespräch zwischen Rainer Werner Fassbinder und Walter Sedlmayr erinnern, bei dem ich dabei war und es um den Diebstahl der ‚Blutenburg Madonna‘ ging. Er hat das alles sehr witzig erzählt und wir haben uns geschüttelt vor Lachen. Aber an Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern. Das Ganze fand auf dem Gelände der Bavaria Film in Geiselgasteig statt, so 1971 oder 72″. (Nachtrag: Einen sehr ausführlichen und nicht uninteressanten Artikel über die Hintergründe des Diebstals finden Sie hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Blutenburger_Madonna .)

Walter Sedlmayr

Die Ehrung: Walter Sedlmayr nimmt offiziell den Starlight-Preis entgegen, 1989. An seiner Seite steht TV-Produzent Helmut Ringelmann, der unter anderem für die Fernsehserie ‚Polizeiinspektion 1‘ verantwortlich war. Foto (c): Süddeutsche Zeitung Photo

3.- Die letzten Wochen und Tage


“Was nicht zusammen kann bestehen, tut am besten, sich zu lösen.” -Johann Christoph Friedrich von Schiller (1759-1805), deutscher Dichter und Dramatiker


 

Im Sommer 1990 galt Walter Sedlmayr als bayerische Ikone. Er mußte niemanden mehr beweisen, welch schauspielerische Leistungen er draufhatte. Man munkelte sogar bereits, daß sich der 64-jährige, der in letzter Zeit gesundheitlich etwas angeschlagen war,¹ demnächst zur Ruhe setzen würde. In Murnau erwarb er ein prächtiges Landhaus, in das er bald einziehen wollte.²

Erste Umzugsvorkehrungen wurden bereits von einem jungen Mann in die Wege geleitet, der sich innerhalb von nur wenigen Monaten Sedlmayrs vollstes Vertrauen erschleichen konnte: Werner Dahms.

Dahms wurde 1962 in Saarbrücken geboren. Eine Münchner Detektei fand im Zuge des Sedlmayr-Mordfalls später heraus, daß sich der schlacksige, blonde Mann von Jugend an durch Männerbekanntschaften sein Geld verdiente. In München wurde er aus der Bundeswehr unehrenhaft entlassen, weil er im Verdacht stand, sich an Männern wie Frauen zu prostituieren. 1984 spielte er eine Nebenrolle in einem Mordfall, bei dem ein Callboy getötet wurde. Anschließend arbeitete er als Taxifahrer im Rosenheimer Raum und bei einem Immobilienmakler, wo er schließlich Walter Sedlmayr erstmals traf. Dieser war von dem jungen Mann so angetan, daß er ihn um 1987/1988 abwarb und als seinen Chauffeur und Privatsekretär einstellte, der gleichzeitig auch Sedlmayrs Immobiliengeschäfte abwickeln sollte.

Dahms war im Bekanntenkreis Sedlmayrs nicht sonderlich beliebt. Er galt als eingebildet und aufdringlich. Er besaß sogar die Frechheit, sich zwischen Sedlmayr und Hannes Burger zu drängen und versuchte, Treffen zwischen den beiden zu verhindern. Die Texte Burgers wollte Dahms persönlich entgegennehmen, um eine Vorzensur vorzunehmen, obwohl er davon überhaupt keine Ahnung hatte. Burger allerdings hat das abgelehnt und mit Walter Sedlmayr nur persönlich geredet und gearbeitet. Ein Insider: „Wie blöd Dahms in Wirklichkeit war, hat man schnell gesehen, als er stümperhaft ein falsches Testament erfunden hat“.

Der wegen Körperverletzung vorbestrafte Werner Dahms war 1990 mit einer Französin verheiratet und hatte zwei kleine Kinder. Dahms sollte mit seiner Familie seinem Gönner Walter Sedlmayr einen schönen Lebensabend in Murnau gestalten, wozu es allerdings nicht mehr kommen sollte.

*

Anfang 1989 erfüllte sich Walter Sedlmayr einen langgehegten Traum und eröffnete mit seinem langjährigen Assistenten und Vertrauten Amadeus Wendler sein eigenes Lokal “Beim Sedlmayr” am Viktualienmarkt, das sich zu Beginn auch großer Beliebtheit erfreute. Wendler sorgte für das Geschäft und Walter Sedlmayr warb mit seinem guten Namen.°

Am 31.Januar 1989 strahlte der österreichische Fernsehsender ORF in seiner Serie „Jolly Joker“ eine Folge aus, die Sedlmayr und seine Gaststätte präsentiert.

Doch die neue Investition war nicht lange von Erfolg gekrönt, der Umsatz ging um fünfzig Prozent zurück. Gründe hierfür gab es reichlich: zum einen lag es am hohen Preisniveau, zum anderen an Sedlmayr selbst, der sich im Lokal nicht so oft sehen ließ, wie es die Gäste gerne gehabt hätten. Darauf angesprochen, grantelte er: “Das ist doch kein Kabarett, dann hätte ich gleich ein Theater aufmachen können!”. An anderer Stelle sagte er dazu: „Ich möchte nicht als feste Knochenbeilage gelten“.

Eine Angestellte wußte zu berichten, daß Sedlmayr die Ansprüche immer höher schraubte. Geschäftsführer Nick Pointner war direkter: “Walter Sedlmayr hat sich über Kleinigkeiten aufgeregt und die Angestellten grundlos angepfiffen”. Auch ließ er gerne dem Koch schriftliche Anweisungen wie zum Beispiel “Bei den Nudeln fehlt Thymian” oder “Mehr Ingwer!” zukommen.

Die vielseitige Künstlerin Sarah Camp, die an der Seite Sedlmayrs vor der Kamera stand, als in der Gaststätte die Fernsehserie „Küchengeschichten“ gedreht wurde, schrieb nach Sedlmayrs Tod: „Charmant hat er sein können. Und kein Fan ist angeraunzt worden, wenn er ein Autogramm wollt, da hat er immer eine Geduld gehabt. Grantig hat er halt auch sein können, ganz furchtbar sogar. Freilich, die Fans haben gern zugeschaut, wenn er im Fernsehen gegrantelt hat, aber für uns wars weniger lustig. Da hab ich oft als Chefköchin meine Angestellten in Schutz nehmen müssen, aber es hat nix genutzt“.

Über Sedlmayrs Machthunger und dessen Umgang mit seinen Angestellten äußerte sich sein Textschreiber Hannes Burger folgendermaßen: “Ich wunderte mich, daß ihm nicht schon lange mal einer die Bratpfanne über den Kopf gehauen hat”.

Walter Sedlmayr wiederum war seit einiger Zeit mit der Geschäftsführung unzufrieden und verlor nach und nach das Interesse. Als ihm schließlich Werner Dahms die Information zukommen ließ, daß sich Amadeus Wendler anscheinend an den Tageseinnahmen bediene, begann die allgemeine Unzufriedenheit zu eskalieren. (Um ein paar Zahlen zu nennen: Das Lokal machte in der Anfangszeit einen Tagesumsatz von rund 6000 DM, der sich nach und nach auf die Hälfte reduzierte. Schließlich machte das Geschäft ein Minus von 30 000 bis 40 000 DM im Monat. Walter Sedlmayrs Anwalt sagte kurz nach dem Mord aus, daß sich der Schuldenberg am Ende auf weit über 260 000 DM belief.)

Im Mai 1990 fand Walter Sedlmayr heraus, daß Wendler unter anderem Lebensmittel, die für das gemeinsame Lokal bestimmt waren, in sein eigenes, dem “Freisinger Hof”, verfrachten ließ und somit einen Schaden von etwa 150 000 Mark anrichtete. Gemessen an Sedlmayrs Reichtum eine Summe, die wohl zu verkraften gewesen wäre, doch die Tatsache, daß sein Amadeus ihn dermaßen hinterging, konnte er nicht verzeihen und beauftragte daraufhin seinen Anwalt Hans-Jörg Vosberg, Beweise und Aussagen zu sammeln, die belegen würden, daß Wendlers krimineller Alleingang Grund für die schlechten Geschäfte sei. Angestellte des Lokals unterzeichneten eine eidesstattliche Versicherung, aus der hervorging, daß Wendler tatsächlich über einen längeren Zeitraum Lebensmittel und andere Waren illegal in den “Freisinger Hof” schleuste.

Am 26.Mai, während die beiden von Schrobenhausen, wo Sedlmayr einen Auftritt hatte, zurück nach München fuhren, sprach der Schauspieler seinen Vertrauten Amadeus an: „Bescheißt du mich eigentlich?“. Sedlmayr spielte nicht auf Geld an, sondern meinte damit gewisse Informationen, die Wendler ihm bislang offenbar verschwiegen hatte.

Wendler zur Polizei: „Am 6.Juli 1990 kam er zu mir ins Lokal, wo es wieder zum Streit zwischen uns kam, weil ich ihn nicht gegrüßt hatte. Herr Sedlmayr hatte für den nächsten Tag einen Termin beim Rechtsanwalt, der zwischen uns vermitteln sollte. Jedenfalls fauchte er mich an und ich fauchte zurück: ‚So kannst du nicht mit mir reden!‘. Wir gaben uns aber dann die Hand und verabredeten uns für den nächsten Tag bei dem Rechtsanwalt. Wir nahmen uns dann jeder einen neuen Anwalt und kamen zu dem Ergebnis, daß wir die KG (die geschäftliche Partnerschaft, Anm.) auflösen sollten, was ja auch mein Wunsch war.“

Amadeus Wendler und sein schickes zweites Standbeim Freisinger Hof, in den Walter Sedlmayr eigene Ideen miteinbrachte und auch das Ambiente mitgestaltete… Ein damals 29-jähriger, der auf der Suche nach einem Job war, schilderte viele Jahre später in einem kleinen autobiografischen Text auf seiner Internetseite seine Erfahrungen im Spannungsfeld Sedlmayr-Wendler-Gaststättenbetrieb und gab einen herrlichen Blick hinter die Kulissen preis: „Ich fand beim Walter Sedlmayr in München eine Stelle. Wir (ein Bekannter und er, Anm.) fuhren hin und Sedlmayr stellte mich ein. Doch arbeiten musste ich am Rande der Stadt, im Freisinger Hof. Der Chef dort war sein Partner Amadeus Wendler. Leider hielt ich es dort nur zwei Monate aus. Der Zustand der Zimmer und die Arbeitsbedingungen waren grausam. Schwule Gäste mit seltsamen Benehmen bis spät in die Nacht im Restaurant, und noch viele andere Geschichten“. Geschichten, die wohl besser für immer ungehört bleiben sollten.

Eine ganz andere Geschichte ist an dieser Stelle allerdings erwähnenswert: eine Zeugin sagte später aus, daß Wendler etwa einen Monat vor dem Mord ein Enthüllungsbuch über Sedlmayr plante, das seine „empfindlichste Stelle“ treffen würde: wenn nämlich bekannt wird, daß er homosexuell sei und somit seine Fangruppe verliert – und seinen Ruf. Wendler wollte Sedlmayr vernichten. Tatsächlich fanden die Ermittler bei der ersten Hausdurchsuchung im Hause Wendler ein angefangenes Buchmanuskript mit dem Titel Walter Sedlmayr – Bilanz eines Doppellebens. Die rund 32 Seiten boten allerdings noch keine Einblicke in das Privatleben Sedlmayrs, sondern umfassten lediglich Wendlers Kindheit, seinen Werdegang, sowie einige Absätze zu Sedlmayrs Kindheit. Widersprüchliche Angaben zum Tattag fanden sich ebenfalls im Manuskript, das von den Ermittlern als fiktives Phantasiegebilde, das man mit Vorsicht genießen sollte, beschrieben wurde. So in etwa kann man auch die zahlreichen Erklärungen Wendlers deuten, die er nach dem Mord gegenüber Zeugen und Ermittlern geäußert hat. Eine Journalistin der Zeitschrift Die Aktuelle hatte an Wendlers Plan, ein Buch zu schreiben, mitgewirkt. Der Text selbst wurde von Wendler diktiert, den seine damalige Sekretärin Doris in den Computer tippte. Die Journalistin, die Wendler vor dem Mord durch ihre Besuche des Lokals Beim Sedlmayr kannte, sagte im September 1990 aus: „Den Mord würde ich dem Amadeus nie zutrauen. (…) Mir gegenüber beteuerte er immer wieder, daß es gerade absurd sei, daß man ihn für den Mörder hält. Er habe durch das Ableben des Walter Sedlmayrs nur Nachteile.“ Heute wissen wir, daß dem nicht so wahr und er insgeheim darauf hoffte, in nächster Zeit finanziell saniert zu sein.

Auch gegenüber dem zweiten Geschäftsführer des Lokals, Nick Pointner, giftete Amadeus Wendler und drohte damit, Walter Sedlmayr fertigmachen zu wollen. Wenn er, Amadeus, das Maul aufmachen würde, wäre Sedlmayr erledigt. Er forderte vom Schauspieler mindestens drei Millionen DM und darum wollte er kämpfen: „Wenn er, Sedlmayr, ihm nicht die drei Millionen gebe, dann würde er, Amadeus, ihm Schwierigkeiten machen. Er deutete an, daß er wegen der homosexuellen Veranlagung des Sedlmayrs die Presse informieren würde. Ein Bekannter war bei diesem Gespräch dabei. Amadeus sagte weiter, daß er auspacken würde, da er dem Sedlmayr Stricher zugeührt hat. Er war damals wohl schon bei einem Anwalt.(…) Amadeus (war) stinksauer auf den Sedlmayr. Er sagte mir acht Tage vorher, daß er für den Sedlmayr immer den Hofhund gespielt hätte, der bellen musste, wenn Sedlmayr das wollte“. Undank ist der Welten Lohn…

 

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*

Unmittelbar nach dem Bruch erhielten Walter Sedlmayr und seine Angestellten Drohanrufe. Anonyme Anrufer meldeten sich bis zu viermal in einer Stunde und legten dann wortlos auf. Sedlmayrs Privatsekretär Werner Dahms wußte später zu berichten, daß auch mit Mord gedroht wurde. Ein Anrufer soll angekündigt haben: “Ich zünde dein Haus an und bring’ dich um!”. Sedlmayr lebte fortan in Angst, so dass er die Alarmanlage in seiner Schwabinger Wohnung scharfstellte, wenn er sich dort allein aufhielt. Seine Wohnungstür war zusätzlich mit einem Alarmschloß versehen, das im Ernstfall eine Sirene auslösen konnte. Als zusätzliche Sicherheitsvorkehrung  ließ er nur dann Gäste in die Wohnung, wenn sich diese vorher angekündigt hatten. Diese wichtige Information ließ die späteren Ermittler gleich vermuten, daß Walter Sedlmayr den Tätern womöglich selbst die Tür öffnete und sie nichtsahnend hineinließ.

Anfang Juli erteilte Amadeus Wendler seinem Nebenbuhler Dahms Hausverbot im Lokal “Beim Sedlmayr”, nachdem dieser überraschend im Lokal erschien, den Safe öffnete und die Angestellten in Bar auszahlte (Wendler wollte dem Personal Gehaltsschecks überreichen, doch Sedlmayr weigerte sich zu unterzeichnen). Auch der Schauspieler durfte sich in der Gaststätte nicht mehr blicken lassen.

Die internen Streitigkeiten wurden schließlich öffentlich und die Münchner tz titelte am Donnerstag, den 12.Juli 1990:

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Walter Sedlmayr ließ das nicht auf sich sitzen: „Das grenzt an Größenwahn. Herr Wendler soll als haftender Gesellschafter erst einmal die offenen Rechnungen bezahlen, bevor er meint, mir ein Hausverbot aussprechen zu können“. Der Artikel endete mit den Worten: „Ich bin ein Perfektionist. Aber jetzt muß ich meinen Kopf hinhalten. Für Dinge, mit denen ich nicht einverstanden bin. Deshalb wird es Veränderungen geben. Leicht möglich, daß es eine Schlammschlacht wird“. Die Ironie des Schicksals wollte es, daß der Schauspieler damit traurigerweise recht behalten sollte, auch, wenn sich diese Schlammschlacht anders entwickelte, als er es selbst annahm.

Wendler wurde bei seiner ersten Vernehmung zu diesem Artikel befragt und stellte die Dinge anders dar: es wurde nie ein Hausverbot ausgesprochen, weder gegen Dahms noch gegen Sedlmayr; von einem heftigen Streit wisse er nichts und gegenüber der tz sagte er im Vorfeld der Veröffentlichung, daß er zum Gasthof und zu Walter Sedlmayr stehe, sprich: es war alles soweit eitel Sonnenschein. Wirklich?

Der Hausmeister der Gaststätte Beim Sedlmayr gab zwei Tage nach dem Tod Sedlmayrs der Polizei folgendes zu Protokoll: „Ich bin seit März 1990 Hausmeister für die Wirtschaft (…). Seit Mitte Juni 1990 gibt es Ärger zwischen Herrn Sedlmayr und Herrn Wendler. Weil Wendler die Gehälter der Angestellten in letzter Zeit nicht pünktlich zahlte und der Umsatz um 50 Prozent zurückgegangen war. Weil die Küche nicht mehr das war, was es zu Anfang war. Weil die Speisekarte, die Herr Sedlmayr mit dem Küchenchef erstellte, von Wendler umgeworfen wurde. Außerdem soll Wendler sich nicht mehr um das Lokal richtig gekümmert haben (…). Am 12.Juli habe ich eine schriftliche Kündigung durch Herrn Wendler bekommen (…). Andere Angestellte haben ihre Kündigung am 11.Juli erhalten.“ Außerdem erklärte der Hausmeister, daß er am Freitag, den 13.Juli, Walter Sedlmayr in seiner Wohnung in der Elisabethstraße besuchte, mit ihm zu Mittag aß und anschließend mit Werner Dahms einige Möbelstücke verlud, um diese nach Murnau ins Landhaus zu bringen. Dahms und der Hausmeister fuhren gegen 12 Uhr 30 los. Das war das letzte Mal, daß Dahms seinen Chef lebend sah.

Der Zeitungsartikel vom 12.Juli war in der Öffentlichkeit schnell vergessen, als die Münchner Abendzeitung in ihrer Wochenendausgabe vom 14./15.Juli einen brisanten Artikel über Amadeus Wendler brachte, in dem er als skrupelloser Betrüger dargestellt, und Sedlmayr als sein Mitwisser bezeichnet wurde.∼

Walter Sedlmayr war empört: noch am Freitagabend, den 13.Juli, rief er gegen 21 Uhr in der Redaktion an und wurde zu Reporter Rudolf Schröck durchgestellt. Schröck erinnert sich: “Ihm (Sedlmayr) seien (durch den Artikel) sozusagen die Augen aufgegangen, was das für ein Kerl sei. Er sei enttäuscht, menschlich, was da passiert ist”. Auf die Frage, wie Sedlmayr denn jetzt darauf reagieren würde, sagte dieser: “Also, Montag, da können’s sicher sein, da bin ich beim Anwalt. Ich bin schließlich nicht irgendwer, ich bin der Sedlmayr!”.

Er plante, Amadeus Wendler aus dem Geschäft zu klagen, um ihn als Geschäftsführer zu entlassen, da es für ihn rufschädigend sei, wenn seine Person mit kriminellen Aktivitäten in Verbindung gebracht werde.

Außerdem rief Sedlmayr, laut Aussage von Ermittler Josef Wilfling, Wendler höchstpersönlich an und verkündete, am Montag beim Anwalt zu sein.

Zu diesem Zeitpunkt sollte Walter Sedlmayr keine 24 Stunden mehr leben.

 

¹Walter Sedlmayr klagte des Öfteren über Herzschmerzen. Außerdem hatte er bereits einen Schlaganfall hinter sich. Sein Auftritt auf dem Nockherberg im März missglückte (weil er Pointen ausließ und die gesamte Rede, die von Hannes Burger verfasst wurde, umschrieb), und man sah ihn danach erschöpft und alleine in einem Vorraum des Salvator-Kellers sitzen. Hannes Burger: „Wenn es freilich stimmen sollte, daß er schon schwer krank war und es als einziger wusste, wäre seine Nervosität und seine schlechte Tagesform leicht erklärlich, die sich ja auch schon bei den Vorgesprächen über den Text abzeichnete. Vielleicht bedrückte ihn aber auch der auffallend schwindende Erfolg seines Wirtshauses ‚Beim Sedlmayr‘, der nur davon abhing, ob er selbst ständig anwesend war. Oder es quälten ihn die schon erkennbaren Auseinandersetzungen mit seinem Assistenten 〈sic〉, Teilhaber und Geschäftsführer, sowie zwischen diesem und seinem jungen Sekretär, der sich überall mit großer Wichtigkeit vordrängte“.

²1990 war Sedlmayr ein wohlhabender Mann, der ein Vermögen von etwa 18 Millionen Mark hinterließ. Es setzte sich folgendermaßen zusammen:

– Er besaß ein Barvermögen (samt Aktien) im Wert von etwa 1 Million Mark oder mehr.

– Sein neues Haus in Murnau, das gerade aufwendig renoviert wurde, hatte Sedlmayr für 1,2 Millionen Mark gekauft und in Bar gezahlt.

– Das Lokal “Beim Sedlmayr” wurde umfangreich saniert und er kaufte die Gastwirtschaft für 500 000 Mark, ebenfalls in Bar.

– Sein ererbtes Stadthaus in der Elisabethstraße (in dem er ermordet wurde) brachte eine Jahresmiete von rund 100 000 Mark. Der Wert einer solchen Immobilie in Schwabing errechnet sich an der 20- bis 30fachen Jahresmiete von rund 100 000 Mark, maximal also 3 Millionen Mark.

– Das Feldmochinger Haus in der Josef-Frankl-Straße 8, das er mit seiner Mutter bis zu deren Tod 1988 bewohnte, hatte einen Verkaufswert von 600 000 Mark.

–  Als Werbeträger der Bierbrauerei ‚Paulaner‘ erhielt Walter Sedlmayr jährlich weit mehr als DM 500 000.

Wenn man ihn für 30-minütige Festreden engagierte, musste man DM 20 000 hinblättern.

– Beim Fernsehen erhielt er pro Drehtag DM 4000 oder mehr.

– Hinzu kamen noch Folgezahlungen aus Film und Fernsehen, die nicht unerheblich gewesen sein dürften.

³Amadeus Wendler, geboren als Amadeus Langer 1954 in Odelzhausen. Die Mutter flüchtete laut einer Journalistin aus der CSSR. Uneheliches Kind. Vater war Polizeibeamter, hat die Vaterschaft bestritten. Wendler nahm daher den Namen der Mutter an. Wuchs zeitweise in einem Kinderheim, später in einer Jugendheimstätte auf. Seine Schulleistungen waren unterdurchschnittlich und er beendete seine Schullaufbahn nach der 9.Klasse als Hauptschüler. Begann eine Friseur-Lehre, die er nach 2 1/2 Jahren abbrach. Jobbte anschließend u.a. als Kellner und betrieb eine Bierstube. Lernte dann ein wohlhabendes Professorenehepaar kennen. Nach dem Tod des Mannes wurde Wendler 1978 von der Witwe adoptiert, die er Anfang der 80er Jahre beerben sollte. Die Presse wußte 1990 zu berichten, daß es sich hier um eine Freundin von Walter Sedlmayrs Mutter handelte. Aus den ersten Aussagen, die Wendler bei der Polizei machte, geht das nicht hervor: er gab an, Sedlmayr 1980 kennengelernt zu haben: „Ein Bekannter von mir, der Sedlmayr-Fan ist, wollte den Herrn Sedlmayr zum Essen einladen. Ich suchte die Telefonnummer heraus und rief den Herrn Sedlmayr einfach an. Ich führte ein längeres Gespräch mit ihm. (…) Er lud mich dann zwei oder drei Tage später zu sich nachhause ein. Da wohnte er noch in seinem Elternhaus in Feldmoching“. Hernach entstand offenkundig eine herzliche Freundschaft, woraus sich die Situation ergab, daß Wendler Sedlmayrs persönlicher Assistent und engster Vertrauter wurde. 1970 geriet Wendler das erste Mal mit dem Gesetz in Konflikt (Kaufhausdiebstahl) und bis 1990 hatte er, laut Presseberichte und Polizeiakten, mehrere Straftaten auf dem Kerbholz (u.a. Raub in Mittäterschaft, Hehlerei, versuchte Nötigung mit Beleidigung, Urkundenfälschung und homosexuelle Handlungen mit Beleidigung. 1975 erhielt er eine Jugendstrafe, als er bei einer Party mit rund 20 Gästen mit einem Hammer auf einen Partygast losging und diesen mehrfach am Hinterkopf traf. Der Verletzte, der offenbar den Streit provozierte, kam ins Krankenhaus. Die Verurteilungen wurden stets auf Bewährung ausgesetzt, bzw. Wendler musste Geldstrafen zahlen). Mit Hilfe von Sedlmayr stieg er in den 80er Jahren zum Gastronom auf und besaß 1990 mehrere Lokalitäten, darunter den “Freisinger Hof” und “Die Futterkrippe”. Er und Sedlmayr wurden 1989 schließlich Geschäftspartner, als sie gemeinsam das Lokal “Beim Sedlmayr” eröffneten. Sedlmayr und Wendler waren aufeinander angewiesen, denn Wendler besorgte als Sedlmayrs Assistent nicht nur teure Antiquitäten, sondern führte ihm auch jahrelang zahlreiche Strichjungen zu. 1990 hatte Amadeus Wendler mit seiner Jugendliebe Gertrude (Name geändert) eine zehnjährige Tochter.

Wendlers Charaktereigenschaften wurden bei der Urteilsverkündung 1993 folgendermaßen dargestellt: Er ist mindestens durchschnittlich intelligent und neigt zum Schauspielern. Er kann Menschen genau einschätzen und über lange Zeit hinweg, teilweise sich selbst verleugnend, ihren Erwartungen voll entsprechen. Das sehr breite Spektrum seiner Verhaltensmöglichkeiten reicht von kindlich-weinerlichen, sentimentalem, gefühlvoll-liebenswürdigen, einfühlsamen gehabe und mitreißend komödiantischer Fröhlichkeit über äußerstes Misstrauen, Geldgier und kompromisslose Härte. Vor allem in finanziellen Dingen bis zum „Überfahren“ von Gegnern mittels Einschüchterung und Drohungen. Wenn etwas nicht nach seinem Willen geht, ist der Angeklagte Amadeus Wendler gefährlich aufbrausend und äußerst aggressiv. Herr Wendler ist eine Führerpersönlichkeit, die die Schwächen anderer Menschen erkennt und sie ausnutzt. Insbesondere versteht es der Angeklagte, seine Umgebung durch Aufmerksamkeiten, Geschenke, Arbeitsplatzbeschaffung und Verleitung zu beeinflussen. Personen zu illegalem Tun verpflichten und sie sich gefügig zu machen.

°Einen Monat nach Sedlmayrs Tod eröffnete das Lokal “Beim Sedlmayr” neu, Pächter war das Ehepaar Helmut und Ute Langner. Von 1991 bis 2000 übernahmen Erwin und Edeltraud Schärer das mittlerweile wieder beliebte Wirtshaus. Seit Mai 2000 hat Sternekoch Rudi Färber das Sagen “Beim Sedlmayr”. Färber: „Ich kannte ihn vom ‚Straubinger Hof‘, wo ich damals noch Wirt war. Meistens war er grantig und wollte, dass er das Essen umsonst bekommt. Aber das gab’s bei mir noch nie: Da müsste selbst ein Hollywood-Star seine Rechnung bezahlen.“. Im Jahre 2005 verklagte Amadeus Wendler die Münchner Bierprauerei ‘Paulaner’, denen das Haus und das Lokal gehörte, auf €500 000 Schadenersatz, da er 1988 die Inneneinrichtung aussuchte und von ‘Paulaner’ keine Ablöse bekam. Am 5.Juli 2005 sollte der Fall verhandelt werden, doch Wendlers Anwalt aus der Kanzlei Bossi, Markus Schwarz, erkrankte und somit erging Versäumnisklage. Die Inneneinrichtung existiert übrigens noch heute.

Der Artikel beschäftigte sich mit Wendlers 320 000 Quadratmeter großen Finca in Südspanien und mit seiner dortigen Nachbarin Erika Heinze. Ihr soll er ein 60 000 Mark teures Grundstück in Schwabing abgekauft, jedoch nicht bezahlt haben. Bereits 1987 hat Wendler die Finca in Spanien gekauft, unter anderem überließ Walter Sedlmayr seinem Assistenten einen Scheck von über 100 000 Mark, um das Domizil mitzufinanzieren. Dort wollte Wendler mit seinem Halbbruder Martin Langer angeblich ein Erholungsheim für gutsituierte Homosexuelle errichten. Gegenüber der Polizei machte Erika Heinze zwei Tage nach dem Mord eine interessante Aussage: „Ich werde den Verdacht nicht los, daß der Amadeus mit der Gewalttat in Verbindung stehen könnte. Amadeus hatte mehrfach wiederholt, daß er den Sedlmayr beerben wird. Es bestehe darüber ein Testament. Er sagte oft, er werde eines Tages ein ganz reicher Mann sein. Vielleicht war es eine Kurzschlußhandlung. Vielleicht wollte der Sedlmayr das Testament ändern. Der Amadeus hat zwei Gesichter. Ich kenne ihn ja nun schon seit vier Jahren. Ich halte ihn für den besseren Schauspieler, als es der Sedlmayr war. Amadeus konnte zuvorkommend und höflich sein, aber auch aufbrausend und sehr aggressiv. Ich habe selbst zweimal beobachtet, wie er im ‚Futterhäusl‘ Gäste brutal niedergeschlagen hat.“

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4.- Die letzten Stunden


“Ihr habt den Pfeil geschärft, ihr habt ihn abgedrückt, ihr sätet Blut und seht bestürzt, das Blut ist aufgegangen.” – Johann Christoph Friedrich von Schiller (1759-1805), deutscher Dichter und Dramatiker


 

*Samstag, 14.Juli 1990

Gegen acht Uhr morgens rief der immer noch aufgebrachte Sedlmayr seinen Geschäftsführer Nick Pointner an und rät ihm dazu, das Lokal zu schließen, weil er befürchtete, daß jemand nach Erscheinen des Artikels die Gaststättenscheiben einschlagen könnte.

“Er war sehr aufgeregt, weil eine Zeitung berichtete, gegen Amadeus Wendler laufe ein Strafantrag wegen Betrugs”, so Pointner.

Dieser schlug dem Schauspieler daraufhin eine Aussprache mit Wendler vor. “Am Samstagmittag haben die beiden dann miteinander telefoniert. Am Abend erzählte mir Herr Wendler, daß das Eis gebrochen sei”, erinnert sich Pointner. “Am Montag wollten die beiden sich dann mit ihren Anwälten zusammensetzen, um den Streit beizulegen und sich gemeinsam von der Gaststätte zu trennen”.

Wie Walter Sedlmayr und seine Angestellten des Lokals wurde nun auch Nick Pointner plötzlich bedroht: “Freitagnacht rief mich jemand zuhause an und drohte: ‘Ihr kriegt schon noch eure Abrechnung!’”. War es nur ein dummer Jungenstreich oder gar eine ernstzunehmende Ankündigung?

*

Eine langjährige Vertraute des Schauspielers, Elfie Pertramer,¹ rief am Vormittag Sedlmayr an, weil sie am Abend zuvor den Artikel las und nun näheres darüber in Erfahrung bringen wollte. Sedlmayr berichtete ihr, daß Amadeus Wendler am Morgen angerufen hat und im Laufe des Tages bei ihm aufkreuzen wollte, um die Streitigkeiten beizulegen. Doch Walter Sedlmayr blieb stur: “Wenn der noch was von mir will, dann nur über meinen Anwalt!”. Laut Pertramer schien ihr Freund sehr aufgeregt und wollte mit ihr am Abend nochmals telefonieren. Doch gegen 19 Uhr nahm Sedlmayr nach vereinbartem Klingelzeichen nicht mehr ab.

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Walter Sedlmayr mit seiner wohl engsten Vertrauten, der Schauspielerin Elfie Pertramer, um 1959. Foto (c): gettyimages / ullstein bild

 

*

Betty Schwaiger und zwei ihrer männlichen Arbeitskollegen standen an diesem Vormittag vor verschlossenen Türen des Lokals, das der Schauspieler vorsichtshalber schließen ließ. Schwaiger rief daraufhin den Schauspieler zuhause an und er bestellte sie und die Kollegen zu einer Krisensitzung. Schwaiger: “Er hat uns gebeten, daß wir zu ihm in die Wohnung kommen”.

Walter Sedlmayr empfing gegen 11 Uhr seine Angestellten in einem hellen Jogginganzug. Seinen Hund, ein Westhighlandterrier namens Moritz, gab er über das Wochenende wie üblich bei seinem Hausmeister Juri Habijaneo in Pflege, der im selben Haus wohnte.²

Sedlmayr rauchte bei dem Gespräch eine ‘Lord Extra’ nach der anderen und hatte große Mühe, sich die Zigaretten anzuzünden. Er war aufgeregt und ängstlich. Im Laufe des Treffens zeigte er seinen Gästen den Artikel der “Münchner Abendzeitung” und meinte dazu, daß er solch kriminelle Handlungen, wie in dem Artikel beschrieben, Amadeus Wendler durchaus zutrauen würde.

Eine der anwesenden Personen sagte später aus: „Er traute sich nicht mal allein hinunter zu gehen, um die Post zu holen, er schickte mich“. Hastig sah der Schauspieler, der mit den Nerven am Ende war, in der Wohnung die Briefe schließlich durch, bemerkte dann halb scherzhaft: „A‘ Bomben hat keiner geschickt!“. Bei dem Angestellten handelte es sich um den Süßspeisenkoch. Im Oktober 1990 sollte er gegenüber den Ermittlern folgendes aussagen: „Ich werde ab sofort nicht mehr aussagen. Ich habe schlichtweg Angst vor dem Wendler. Ganz besonders große Angst, wenn ich vielleicht sogar vor Gericht aussagen muß. (…) Der Wendler ist gefährlich. Das hat er doch schon bewiesen. Es ist doch klar, wie die Sache am Samstag gelaufen ist. (…) Ich habe von mehreren Leuten gehört, daß er mich suchen lässt. (…) Vielleicht hat der Wendler mich ja gesehen, als ich an dem Samstag mit den anderen Angestellten bei Herrn Sedlmayr war. Der bat mich ja die Post zu holen. Ich bin runter zum Briefkasten. Es hatte ja zwischendurch an der Sedlmayr-Tür geklingelt, aber als der Sedlmayr auf den Summer gedrückt hatte, kam niemand rauf. Jedenfalls hätte das ja der Wendler sein können und er war da im Haus und hat mich gesehen und denkt vielleicht, daß ich ihn gesehen habe und lässt mich deshalb suchen. (…) Ich weiß, daß er zu allem fähig ist. Es gibt ja auch Waffen.“

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Walter Sedlmayr mit seinem Hund Moritz in der Wohnung an der Elisabethstraße in München/Schwabing, Oktober 1989. Photo: Mehl (Aus dem Buch „Die Mordakte Walter Sedlmayr“, von Petra Cichos, Cichos-Verlag)

Während der Besprechung hat das Telefon geklingelt, am anderen Ende war Wendler. Walter Sedlmayr legte sofort wieder auf. Aufgeregt sagte er: „Ich rede kein Wort mehr mit ihm, er soll diese Angelegenheit selber in Ordnung bringen!“.

Betty Schwaiger beschrieb später in einem Interview die Situation: „Irgendwie war alles ganz anders an dem Tag, er war so furchtbar nervös. In der Schreibmaschine befand sich eine Presseerklärung, die er am Montag abgeben wollte”.

Später klingelte es an der Haustür, doch niemand stieg die Treppen rauf in den zweiten Stock. Betty Schwaiger wunderte sich darüber, daß Sedlmayr die Wohnungstür offen ließ, obwohl er solche Angst hatte. “Er hat uns erzählt, daß Wendler am Morgen angerufen hat und kommen wolle. Das hat Herr Sedlmayr nicht gewollt und beim Abschied hat er noch gesagt: ‘Ihr seid heute die letzten, nach euch lass’ ich keinen mehr rein!’”.

Irgendwann im Laufe des Treffens bereitete sich der Schauspieler eine leichte Gurkensuppe zu. Normalerweise war er dafür bekannt, deftiges Essen zu bevorzugen, doch die massive seelische Anspannung verdarb ihm den Appetit.

Gegen 12 Uhr 15 entließ er seine Gäste und versicherte ihnen noch, daß sie sich um ihre Gehälter keine Sorgen zu machen brauchten. Zum Abschied küsste Sedlmayr die besorgte Betty auf die Wange und seufzte: “Gell, Frau Schwaiger, was machst du doch alles mit mir mit”. Während seine Angestellten die Treppen hinunterstiegen, schaute er ihnen hinterher und winkte ihnen vor seiner Wohnungstür aus zu. Auch über diesen Moment wunderte sich Betty Schwaiger. Ihr kam es seltsam vor, daß der Schauspieler nicht gleich wieder in seiner Wohnung verschwand, wenn er doch so große Angst hatte.

Sie waren, abgesehen von den Tätern, die letzten Personen, die Walter Sedlmayr zu Gesicht bekam.

*

Im Laufe des frühen Sommernachmittags – draußen herrschten Temperaturen von knapp 25 Grad – telefonierte Walter Sedlmayr noch mit mindestens zwei Personen: mit seinem Privatsekretär Werner Dahms, den er am Vortag gegen 13 Uhr zuletzt sah, und mit einem Angestellten des Lokals, ein gewisser Herr Eder, der sich nach Österreich abgesetzt hatte (angeblich aus Furcht vor Amadeus Wendler).

Gegen 15 Uhr rief Walter Sedlmayr seinen Sekretär Dahms an, der sich zu diesem Zeitpunkt mit seiner Familie auf Sedlmayrs Landsitz in Murnau aufhielt. Als dort das Telefon klingelte, hielt Dahms einen Mittagsschlaf. In diesem Telefonat ging es um den aktuellen Artikel. Außerdem berichtete Sedlmayr seinem Privatsekretär, daß Wendler ihn angerufen hätte und naiv fragte, was er denn bezüglich der Spanien-Geschichte tun solle. Außerdem wolle Wendler noch heute bei ihm vorbeikommen. Dahms später zur Polizei: „Dazu sagte Herr Sedlmayr, daß diese Sache nur über seinen Anwalt gehe. Herr Sedlmayr sagte zu mir, daß er den Wendler nie in seine Wohnung lassen würde (!). Der Anruf von dem Wendler an Herrn Sedlmayr muß (…) zwischen 12 Uhr und 15 Uhr gewesen sein“. Dahms wird später außerdem erzählen, daß Walter Sedlmayr “wirklich große Angst” hatte, hauptsächlich wegen den anhaltenden anonymen Anrufern, die damit drohten, daß sie sein bestgehütetes Geheimnis – daß er homosexuell war – in allernächster Zeit auffliegen lassen würden. Dahms: “Er wurde regelrecht weichgekocht mit Drohanrufen übelster Sorte”. Dahms versprach seinem Chef, sich am nächsten Tag telefonisch zu melden.³

Um 15 Uhr 45 telefonierte Sedlmayr mit dem untergetauchten Angestellten, wobei es bei dem Gespräch um das Telefonat mit Wendler ging, das am Vormittag stattgefunden hatte. Angeblich sagte er wörtlich: “Der Wendler ist kein kleiner Verbrecher, sondern ein großer!”.

Über dieses Gespräch machte sich Walter Sedlmayr eine Notiz, ebenso über Wendlers Ankündigung, noch vorbeikommen zu wollen. Diese Notizen sollten später von den Ermittlern gefunden werden. Außerdem fanden sie einen Entwurf einer Presserklärung Sedlmayrs vor, in der er stichpunktartig erklärte, daß er Frau Heinze nicht persönlich kannte, sondern lediglich einen Brief, den sie ihm fünf Monate zuvor schrieb, an Wendler weiterleitete; daß er von den Vorwürfen, die der aktuelle Artikel bietet, nichts wisse; und daß er seit Wochen mit Wendler geschäftliche Auseinandersetzungen habe und die KG auflösen wolle. Es ist anzunehmen, daß Sedlmayr über dieser Erklärung brütete, kurz bevor die Täter in die Wohnung kamen und die grausamen Dinge ihren blutigen und tödlichen Lauf nahmen.

 

¹Elfie Pertramer spielte mit Walter Sedlmayr gemeinsam in den 50er Jahren in diversen Heimatfilmen, war seitdem Sedlmayrs engste Vertraute. Petramer: “Ich hätte ihn sogar geheiratet, aber ich bemerkte, daß er zu Frauen ein neutrales Verhältnis hatte”.

²Walter Sedlmayrs Hund Moritz wurde am 29.September 1995 in München von einem Unbekannten erschossen. Die Hintergründe dazu sind nicht bekannt.  Das Hausmeisterehepaar, das sich nach dem Tod Sedlmayrs um den Hund kümmerte, musste daraufhin ausziehen. (Der Hund, der acht Jahre alt wurde, verendete im Garten, der zum Anwesen Elisabethstraße 5 gehörte. Der Garten ist von einem Hauskarree umgeben, in dem viele Fenster nach hinten rausgehen. Es hatte vorher mehrfache Beschwerden zahlreicher Hausbewohner gegeben, daß der Hund zu laut bellen würde.)

³Walter Sedlmayr erhielt nicht nur Drohanrufe. Man schrieb ihm auch Postkarten. Auf einer stand: „Wir bringen dich um, du geiles Schwein. Wir finden dich, auch wenn du dich im Gebirge versteckst“.

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5.- Der Freistaat Bayern hat einen Skandal!

 


“Sie schärfen ihre Zunge wie eine Schlange; Otterngift ist unter ihren Lippen.” -AT, Psalm 140,4


 

*Sonntag, 15.Juli

Ab 13 Uhr wählte Werner Dahms immer und immer wieder die Privatnummer von Walter Sedlmayr: 089 27 25 638. Niemand hob ab. Er fing an, sich Sorgen zu machen. Vereinbart war, daß Sedlmayr nach einem speziellen Klingelzeichen (einmal kurz läuten lassen und direkt darauf nochmal anrufen) den Hörer abnimmt, wie schon so oft in der Vergangenheit geschehen.

Am Abend gegen 20 Uhr schließlich setzte er sich in den nachtblauen 7er BMW des Schauspielers (mit dem Kennzeichen M-WS-7075) und fuhr die rund 74 Kilometer lange Strecke von Murnau aus zu Sedlmayrs Wohnung in der Elisabethstraße 5 in München/Schwabing (der TV-Star zog im Herbst 1987 in diese Wohnung. Das ganze viergeschossige Haus gehörte ihm, er erbte es von einer Tante. Vorher lebte er jahrzehntelang mit seiner Mutter in einem kleinen Einfamilienhaus in Feldmoching).

Um 21 Uhr 15 parkte Dahms vor dem gelb angestrichenen, massiven Jugendstilhaus mit Mansarddach, Erker-Balkon-Gruppen und Atelieraufbauten (das Gebäude ließ der Architekt Hans Memminger zwischen 1907 und 1908 errichten), und stieg die Treppen hoch in den zweiten Stock, wo sich Sedlmayrs Wohnung befand. Mit seinem Zweitschlüssel wollte er die Eichentür öffnen, doch ein Schlüssel steckte von innen. Er lief runter in den Keller, dann zurück zum Auto, und holte einen sich darin befindenen Schraubenzieher, sowie ein Wagenkreuz, mit dem er die Scheibe des Sichtfensters durchbrach, das in der Wohnungstür eingelassen war. Er langte mit dem Schraubenzieher nach innen und konnte die Tür schließlich öffnen. Dabei entdeckte er, daß beide Alarmschlösser ausgeschaltet waren, und der Schlüssel, der von innen steckte, sich senkrecht im Schloss befand. Ungewöhnlich. Normalerweise steckte er waagerecht. Dann betrat er die 170 Quadratmeter große Wohnung mit ihren sieben Zimmern, die einen Schatz von sündhaft teuren Antiquitäten beherbergte (geschätzter Wert: rund 200 000 DM) und rief nach Walter Sedlmayr, jedoch vergeblich.¹

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Der Hauseingang, Elisabethstraße 5, München/Schwabing. Photo (c)2016: Mäck

Zuerst schaute Dahms im Wohnzimmer nach, dann ging er schließlich ins Schlafzimmer und machte eine grauenvolle Entdeckung: auf der linken Seite des Doppelbettes lag blutüberströmt der leblose Körper Sedlmayrs, bäuchlings, an den Fußknöcheln mit braunen Klebeband gefesselt, das aber anschließend durchgerissen wurde. Die Hände fesselte man ebenso mit dem Klebeband, das man später durchschnitt. Der zertrümmerte Kopf war mit einem Bademantel zugedeckt. Das Blut färbte den weißen Jogginganzug, den Mantel und den Bettbezug ein. Die Bettdecken waren zerwühlt, offensichtlich mußte ein Kampf stattgefunden haben. Laut seiner späteren Aussage hatte Dahms den Anblick nur eine Sekunde lang ertragen und sei sofort zu den Nachbarn, um die Polizei und Rettungssanitäter zu verständigen. Allerdings ließ er wohl vorher noch ein echtes, handgeschriebenes Testament von Walter Sedlmayr verschwinden, aus dem Wendler als Alleinerbe hervorging.

Einige Stunden nach Auffinden der Leiche dann, als Werner Dahms wieder nach Murnau zurückgekehrt war, setzte er sich nervös an Walter Sedlmayrs elektrische Brother-Schreibmaschine, die während der ersten Umzugsvorbereitungen vor dem Mord bereits dorthin verbracht wurde, zog Schreibmaschinenpapier hervor und begann zu tippen: MEIN LETZTER WILLE. Dahms verfasste nervös ein Testament und setzte sich selbst als Universalerben ein. Anschließend fälschte er Sedlmayrs Unterschrift. Seine Ausführungen basierten auf ein Vorgespräch, das Sedlmayr mit seinem Anwalt am 5.Juli führte. Hätte der Schauspieler einige Wochen länger gelebt und ein notariell beglaubigtes Testament unterzeichnet, wäre Dahms wohl tatsächlich der Haupterbe geworden. Wie so viele Amateur-Ganoven handhabte Dahms seine Betrügerposse sehr ungeschickt. Das Schriftstück strotzte nur so vor Rechtschreib- und Flüchtigkeitsfehler, was erkennen ließ, daß hier in Eile gehandelt wurde. Anschließend steckte er seinen Versuch, seine Zukunft in trockene Tücher zu manövrieren, in ein neutrales Kuvert und verstaute dieses in eine VHS-Kassette, die ihm Walter Sedlmayr kürzlich noch überreichte. Dieses Band überreichte er später seinem Rechtsanwalt, als auch ein Notar zugegen war.

*

Um 21 Uhr 45  ging ein Notruf bei der Einsatzzentrale im Polizeipräsidium ein: “Hier ist Dahms, ich bin der Hausverwalter und Privatsekretär von Herrn Sedlmayr! Herr Sedlmayr liegt im Bett und hat eine riesen Wunde am Kopf, ich glaube, er ist tot!”.

Ein Notärzteteam mit zwei Rettungssanitätern und einer Notärztin, Frau Dr.med. Reininger, trafen am Tatort ein. Die Ärztin schnitt das Oberteil Sedlmayrs auf, um ein EKG anzufertigen, doch sie konnte nur noch den Tod feststellen.

Oliver Bendixen, Polizeireporter, war einer der ersten Personen vor Ort: „Dahms stand vor der Tür, zusammen mit Kriminalbeamten, und machte einen ziemlich verwirrten Eindruck. Wer der Tote war, haben wir erst später erfahren. Der Hausmeister tauchte auf, irgendwie tauchte auch der Hund von Walter Sedlmayr auf, der huschte da verwirrt vor dem Hauseingang hin und her. Und im Prinzip wußte zunächst niemand, was da eigentlich passiert war“. (Walter Sedlmayrs Testamentsvollstrecker hatte Bendixen Monate später die Wohnung angeboten: „Ich habe überlegt. Die Vorstellung, dass Sedlmayr in der Wohnung gestorben ist, hätte mir nichts ausgemacht, schließlich ist in jeder Altbauwohnung irgendwann irgendjemand gestorben. Am Ende war mir die Wohnung aber zu laut.“)

Nachdem die Polizei gegen 22 Uhr 15 eintraf, wurde die bislang aufwendigste Spurensicherung in der Bundesrepublik Deutschland vorgenommen, ständig unter dem wachsamen Auge der Presse und der Öffentlichkeit – und somit unter Erfolgsdruck.

Ein Polizeibeamter machte ein Polaroidfoto des Toten, das später in ein Polizeitagebuch geklebt wurde. Diese Seite fotografierte man einige Tage später heimlich ab und verkaufte das Bild an ein Klatschblatt. Für die Ermittler ein Desaster. Es konnte nie geklärt werden, wer dahinter steckte (dazu später mehr). Die Polizei hielt in ihrem Tatortbericht unter anderem fest, daß am Boden, vor dem Bett, einige Papiere (aus dem Safe) verstreut lagen, sowie ein leeres Uhrenetui, ein kleines Kästchen und ein Schlüsselbund. Auf einer Herrenkomode befand sich ein Silberschälchen, in der zwei Zigarettenkippen der Marke ‚HB‘ ausgedrückt wurden – Walter Sedlmayr rauchte ‚Lord Extra‘! Dahms führte die Beamten durch die Wohnung und machte sie auf Dinge aufmerksam, die ungewöhnlich waren (zum Beispiel brannte noch eine Standleuchte im Wohnzimmer, die Sedlmayr abends beim Fernsehen anknipste; der Fernseher zeigte Bereitschaftslicht; eine in dem Zimmer stehende, halbleere Kaffeetasse war nicht aufgeräumt – für den Pendanten Sedlmayr sehr ungewöhnlich; am Bücherschrankregal waren mehrere Werkzeugaufbruchspuren erkennbar, davor stand am Boden ein blauer aufgeklappter Werkzeugkasten, der sich normalerweise an einer anderen Stelle der Wohnung befand).

Polizeisprecher Richard Scherer informierte vor dem Haus die wartenden Journalisten, Kamerateams und Fotografen über den Mord. Ein Reporter der Münchner tz hakte vorschnell nach: „Ist Amadeus Wendler bereits verhaftet worden?“.

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*Montag, 16.Juli

Der Bayerische Rundfunk meldete als erster in seinen 24-Uhr-Nachrichten den Tod des beliebten Volksschauspielers.

Vor dem Haus in der Elisabethstraße wimmelte es von Polizeiwagen, Schaulustigen und der Presse, als gegen 2 Uhr 30 morgens der Leichnam, der 168 Zentimenter groß, 84,4 Kilogramm schwer, und bei Auffinden eine Körpertemperatur von 25,7 Grad aufwies, aus dem Haus gebracht und noch in derselben Nacht, unter dem wachsamen Auge von Prof. Dr.Wolfgang Eisenmenger, obduziert wurde. Professor Eisenmenger: „Den ersten Zugriff der Rechtsmedizin hat ein Kollege gemacht, mich aber telefonisch verständigt. Bei spektakulären Fällen war das so vereinbart. Er sollte erst mal hinfahren und die ersten Untersuchungen machen, etwa zur Bestimmung des Todeszeitpunkts. Ich bin nachgekommen und habe Sedlmayr noch in der ursprünglichen Position gesehen. Er lag bäuchlings auf dem Bett, nackt, gefesselt mit Klebeband. Für uns ist es wichtig, Eindrücke am Tatort für die Sektion zu sammeln. Auffallend waren dabei die Blutspritzer-Straßen an der Wand hinter dem Bett. Es war erkennbar, dass stumpfe Gewalt gegen den Schädel eingewirkt hatte. Da hatte man schon mal eine grobe Vorstellung, wie das abgelaufen war“.

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Montag, 16.Juli 1990, ca.2:30 Uhr: Der Leichnam wird aus dem Haus in der Elisabethstraße abtransportiert. Foto (c): AZ

 

Zur selben Zeit wurden erstmals Werner Dahms und Amadeus Wendler unabhängig voneinader verhört. Polizeibeamte fanden Wendler in seinem Haus in München/Freimann vor. Als sie ihm mitteilten, daß er als Zeuge vernommen werden soll, fragte er überrascht: “Als Zeugen?”. Die Beamten beförderten ihn ins Polizeipräsidium. Wendler war derjenige – und im Grunde einzige Zeuge – , der Sedlmayrs angebliche Vorliebe für S/M erwähnte (nach eingehenden Überprüfungen der Ermittler im Homosexuellen-Millieu stellte sich später heraus, daß der Schauspieler keineswegs Gefallen an derartigen Sexpraktiken fand, zumindest nicht in seinen letzten Lebensjahren. Wenn Aussagen von Strichern das Gegenteil behaupteten, lagen diese Erlebnisse bereits einige Jahre zurück. Wenige Stunden nach Auffinden der Leiche wurde beispielsweise ein 20jähriger Lustknabe vernommen, der angab, daß Sedlmayr devot veranlagt war und körperlich wie auch verbal erniedrigt werden wollte. Da hatte der Schauspieler noch in Feldmoching gelebt, was über zwei Jahre zurücklag. Körperliche Spuren, die man auf sexuelle S/M-Praktiken hätte zurückführen können, konnten bei der Obduktion nicht festgestellt werde. Auch Sedlmayrs Masseur, der seit Mitte April 1990 den Schauspieler als Kunden hatte – es handelte sich hierbei nicht um Liebesdienste! – und ihn regelmäßig in seiner Wohnung wegen dessen Rückenschmerzen behandelte, konnte keinerlei Verletzungen am Körper Sedlmayrs feststellen: „Verletzungen habe ich nie bei Herrn Sedlmayr am Körper gemerkt. Blaue Flecke oder so. Mir wäre es aufgefallen, da ich beruflich in der Lage bin, das zu erkennen. Auch, ob es Misshandlungen sind“. Zuletzt besuchte er den Schauspieler am Donnerstag, den 12.Juli gegen 20 Uhr).

Weitere Ausführungen und Details zu Walter Sedlmayrs Liebesleben – das weit unspektakulärer war, als es damals von der Regenbogenpresse dargestellt wurde – werde ich nur noch einmal im Text kurz anreißen, aber das Thema ansonsten nicht weiter aufgreifen, da es weder mich noch die Öffentlichkeit etwas angeht und auch nichts mit dem Mord zu tun hat.

Werner Dahms allerdings will erstaunlicherweise von der Homosexualität Sedlmayrs nichts gewußt haben. Erst viele Monate später räumte er gegenüber den Ermittlern ein, daß er „einen Verdacht“ hatte. Während Wendler ihn bei seiner ersten Vernehmung als einen fairen und cleveren Mann beschrieb, fand Dahms weniger gute Worte bezüglich Wendler: „Es gab seit einiger Zeit (…) schwere Differenzen zwischen Herrn Sedlmayr und dem Amadeus!“. Bei seiner zweiten Vernehmung, am 16.Juli, ging Dahms weiter: „Wendler hatte sich vor einigen Jahren bei Herrn Sedlmayr eingeschmeichelt. Blumen geschickt und so. Ich weiß nicht, ob er homosexuell veranlagt ist. Zu alten Damen und Frauen ist Wendler super höflich, aber im Geschäft link und knallhart. Der ist bei allen verhasst. Er zahlt die Löhne später. Dann  auch noch mit Scheck, um die Zahlungen zu verzögern.“ Diese Informationen hatte ihm angeblich Walter Sedlmayr gesteckt. Dahms weiter: „Wendler zahlte auch an Leute Schwarzgeld. Damit setzte er die unter Druck und zwingt sie zum Beispiel zu falschen Zeugenaussagen. Herr Sedlmayr war ja nur der stille Teilhaber der KG. Wendler der voll haftende Geschäftspartner. Drei Tage nach der Eröffnung des Lokals „Beim Sedlmayr“ schmiss der Herr Wendler seinen Posten hin. Er schrieb eine eidesstattliche Versicherung, daß er auf alle Rechte und Pflichten verzichte. Diese originale eidesstattliche Versicherung ist verschwunden. Auch Wendlers Original-Testament. Und der Münzkoffer“. Diese Versicherung sollte Wendler später überführen, so daß es zu seiner Verurteilung kam.

Auf den ersten Blick deutete am Tatort alles auf einen Raubmord hin, den womöglich ein Stricher begangen hatte: eine Dose Gleitcreme der Marke Lancaster und vier Kondome der Marke London befanden sich auf dem Nachttisch, eine mehrschwänzige Lederpeitsche lag, wie auch der Tathammer, unter dem Bett. Kondome, Creme und Peitsche, so fand man später heraus, stammten aus einem Geheimfach, das sich in einem Bücherregal befand. Offenbar wurden Wertgegenstände entwendet und der Safe war geöffnet. Die Mordinstrumente – ein 1000 Gramm schwerer Schlosserhammer und ein langes Küchenmesser – wurden vor Ort  sichergestellt.

Oliver Bendixen: „Zunächst schloss die Polizei einen Mord durch Strichjungen nicht aus in der Wohnung, das ganze Geschehen war auch so trappiert, daß man darauf schließen hätte können, daß hier plötzlich jemand, den Walter Sedlmayr mitbrachte, ausrastete und sich an ihm hätte rächen wollen. Das haben die Täter schon ganz geschickt gemacht“.

Die BILD-Zeitung reagierte am frühen Morgen mit einer hastigen Eilmeldung:

“WALTER SEDLMAYR ERMORDET –

SCHÄDEL EINGESCHLAGEN – VIELE

MESSERSTICHE”

Konkretere Informationen lagen natürlich noch nicht vor und der dazugehörige Artikel beschäftigte sich mit einem Überfall auf Sedlmayr, den 1982 zwei jugoslawische Stricher begangen hatten.²

Pressekonferenz der Polizei am Mittag: “Laut Obduktionsbericht ist Herr Sedlmayr bei stumpfer Gewalt gegen Kopf verstorben”. Der Tote hatte eine lange Schnittwunde am Hals, Einstiche in den Nieren und die hintere Schädeldecke war zertrümmert. Sedlmayr wurde folglich mit Stichen in die Nieren gequält und gefoltert, dann erst wurde er erschlagen.

Die Tagesschau  berichtete um 20 Uhr von der Tat. Nachrichtensprecher an dem Abend war Werner Veigel:

Die Stricherszene wurde durchleuchtet. In der Nacht zum Dienstag durchkämmte man unter anderem den Alten Botanischen Garten, der als beliebter Treff für Homosexuelle bekannt war.

*Dienstag, 17.Juli

Die BILD-Zeitung schlachtete die Story mit einer reißerischen Schlagzeile aus. Dies war der Auftakt einer beispiellosen Hetzjagt auf einen verstorbenen Prominenten, die in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands bisher einzigartig war:

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Auf der Doppelseite im Innenteil wurde auch Sedlmayrs Haushälterin Ingrid Glatz (damals 38 Jahre) zitiert, die angab, daß Walter Sedlmayr in Angst lebte: “Seit einer Woche durfte ich keinen mehr in die Wohnung lassen”. Erstmals fanden auch Wendler und Dahms Erwähnung (“Zwei junge Männer und ihr Kampf um Sedlmayr”).

Schauspielkollegen nahmen in der Münchner Tageszeitung Stellung zu Sedlmayr und der schrecklichen Tat:

Bruni Löbel (die mit ihm in der Erfolgsserie “Polizeiinspektion 1” spielte): “Ich bin entsetzt. Er ist ein toller Profi gewesen, aber nicht einfach. In der Arbeit kannte er keine Kompromisse. Das wurde immer schwieriger in unserer Zeit, wo die Fernseharbeit immer ‘husch-husch’ gehen soll. Ich bin glänzend mit ihm ausgekommen”.

Max Grießer: “Er hat keine drei Minuten von mir gewohnt, aber ich habe es erst heute früh um sechs erfahren! Es hat mich so furchtbar traurig gemacht. 14 Jahre lang habe ich mit Walter “Polizeiinspektion 1” gedreht und ihn immer bewundert. Logisch, er war schwierig, weil er immer alle Texte noch mal umgeschrieben hat, was das Endprodukt aber immer besser machte”.

Gustl Bayrhammer: “Ich habe ihn 1966 an den Kammerspielen als witzigen, netten Kollegen kennengelernt. Nach der Madonnengeschichte hat er sich dann verändert. Er wollte keine gemeinsame Garderobe mehr, wurde distanzierter“.

Fritz Wepper: “Ich wollte die schockierende Nachricht nicht glauben. Die Vorstellung, wie er jetzt im gerichtsmedizinischen Institut liegt – grausam“.

Hannes Burger: “Seit 1982 habe ich für Walter Sedlmayr neunmal die Salvatorreden (…) auf dem Nockherberg geschrieben und auch andere lustige Vorträge. Man konnte viel von ihm lernen, wie man Texte auf die Eigenart des Interpreten zuschreibt, Pointen ausfeilt imd Spitzen richtig platziert. Aber kaum ein Autor hat es lange mit ihm ausgehalten. Wer nicht wie ich einen bayerischen Sturschädel hatte und ihn trotz seiner Starallüren mochte, konnte leicht verzweifeln an seinem oft recht schickanösen Perfektionismus und seiner Neigung, Texte endlos umzuformulieren. Er wird mir trotzdem fehlen“.

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“TZ”-Schlagzeile vom 17.Juli 1990.

Die Paulaner-Brauerei wechselte in einer Blitzaktion die Schlösser “Beim Sedlmayr” aus. Die Gaststätte hatte noch Walter Sedlmayr am Samstag schließen lassen.

Am Tag zuvor stoppte die Bierbrauerei alle Werbekampagnen mit Walter Sedlmayr und ließ sämtliche Plakate überkleben, 18 alleine in München. Paulaner-Vorstand Dr.Friedrich Schneider erklärte dazu: „Man kann ja nicht einen lachenden Menschen zeigen, der inzwischen ermordet wurde“. Natürlich wollte man auch nicht unbedingt in irgendwelche „schmuddeligen“ Homogeschichten verwickelt werden, der gute Ruf der weltbekannten Bierbrauerei hätte dadurch Schaden nehmen können. Nach einem Sedlmayr-Nachfolger wurde nicht gesucht, da klar war, daß es eine Identifikationsfigur wie ihn kaum geben würde. Der Schauspieler selbst verdiente in der zwölfjährigen Zusammenarbeit mit Paulaner nicht schlecht: pro Jahr soll er als Werbeträger rund 750 000 DM kassiert haben. Die Brauerei dürfte froh gewesen sein, daß es zu einem vorzeitigen und überraschenden Ende der Geschäftsbeziehungen mit Walter Sedlmayr kam, da der Schauspieler, so Hannes Burger später, die Firma „ausnahm wie eine Weihnachtsgans“.

Währenddessen hatte die Staatsanwaltschaft beim Landgericht München den Leichnam freigegeben. Bis zum Abend befand sich diese im gerichtsmedizinischen Institut in der Frauenlobstraße.

*Mittwoch, 18.Juli

Die Homotreffs in öffentlichen Parks und die einschlägigen Lokale wurden beobachtet. Man verhörte im Zuge der Ermittlungen zahlreiche Stricher, die mit Walter Sedlmayr Kontakt hatten. Die Telefonnummer des Schauspielers wurde hoch gehandelt, weil er für die Liebesdienste gut bezahlte und wenig verlangte.

Die BILD-Zeitung war zu diesem Zeitpunkt maßgeblich daran beteiligt, die Mär vom sadistischen und geizigen Sedlmayr in die Welt zu setzen, fortzuspinnen und somit Rufmord in ganz großem Stil zu begehen. In deren Serie „Sedlmayrs G’schichten“ präsentierte sie unter anderem angebliche Aussagen, die anonym gehaltene Stricher gegenüber der Zeitung machten (fraglich ist hierbei natürlich, ob diese überhaupt stattgefunden haben) und die ihn als einen harten und knausrigen Sexpartner und Freier darstellten, der Gefallen an sadistischen Praktiken hatte. Die Wahrheit sah allerdings so aus, daß der Schauspieler in Liebesdingen – zumindest in seinen letzten Lebensmonaten – eher schüchtern und zurückhaltend war. Ein Lustknabe, der von einer anderen Tageszeitung interviewt wurde – und den der Autor dieser Zeilen für absolut glaubwürdig hält – zeichnete folgendes Bild: „Er war richtig nett!“, gab der 22-jährige an. Walter Sedlmayr habe eher verklemmt gewirkt und erst nach und nach auf Zärtlichkeiten reagiert. Spendabel war er außerdem: er zahlte für den Liebesdienst das Doppelte. Amadeus Wendler, der einige Kontakte zwischen den Lustknaben und Sedlmayr einfädelte, bestätigte dies in seiner ersten Vernehmung bei der Polizei: „Ich legte auch den Preis immer vorher fest. 250 bis 500 Mark, je nach Leistung.“ Ein anderer Lustknabe gab sogar an, in früherer Zeit, als Sedlmayr noch in Feldmoching wohnte, Zahlungen von 500 bis 700 DM erhalten zu haben.

Erstmals wurden die Tatwerkzeuge in den deutschen Tageszeitungen veröffentlicht. Das Messer mit einer 20 Zentimeter langen Klinge, stammte aus der Küche Sedlmayrs.

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Auch sickerte in der Presse durch, daß am Tatort 7500 Mark Bargeld, Münzen und wertvoller Familienschmuck entwendet wurden.

Münchens Oberbürgermeister Georg Kronawitters Pressestatement wurde bekanntgegeben: “Nicht nur das Münchner Kulturleben, sondern die ganze Stadt ist um eine Schauspielerpersönlichkeit ärmer”.

Die Münchner Tageszeitung interviewte Walter Sedlmayrs nächste Verwandte und potentielle Erben, Tante Paula (88 Jahre) und Onkel Friedrich (89).³ Paula Rott hat ihren Neffen vor etwa vier Monaten das letzte Mal gesehen, als sie unangekündigt das Lokal Beim Sedlmayr aufsuchte. Das Verhältnis der beiden war offenbar nicht das beste – ihre Rechnung musste die alte Dame selbst zahlen.

Das Münchner Nachlassgericht erklärte Rechtsanwalt Hans Ägidius Kirchner zum Nachlasspfleger.∼

*Donnerstag, 19.Juli

Großes BILD-Interview mit Sedlmayrs Doppelgänger und engem Vertrauten Siegfried Rohrmoser (65 Jahre), der Raumausstatter war. Die beiden kannten sich schon seit vielen Jahren, und 1985 gestand er Rohrmoser gegenüber ein, homosexuell zu sein. Siegfried Rohrmoser berichtete dem Blatt, daß er gemeinsam mit Walter Sedlmayr die Wohnung in der Elisabethstraße ausstattete. Sedlmayr soll damals zu ihm gesagt haben: “Siggi, ich würde mich nicht wundern, wenn ich in dieser Wohnung mal erschlagen werde”, in Anspielung auf die regelmäßigen Besuche von Strichern und den wertvollen Antiquitäten und Gegenstände, die sich in der Bewohnung befanden. Außerdem schilderte er seine vielen negativen Erlebnisse mit Wendler und riet Sedlmayr um Weihnachten 1989 herum telefonisch an, daß es wohl besser sei, wenn dieser sich von seinem Assistenten lösen würde. Doch davon wollte er nichts wissen und beendete den Kontakt zu Rohrmoser. Eine fatale Fehlentscheidung. Gegenüber der Polizei sagte Rohrmoser am 8.August 1990 aus: „Walter meinte darauf entschieden, daß mich das nichts angehen würde und hat aufgelegt. (…) In einem späteren Artikel nach dem Mord stand, daß der Walter sich mit dem Amadeus versöhnt hätte. Da kann ich nur lachen. Der Walter hätte sich nie am Telefon versöhnt. Das war schon persönlich schwer, nach einem Streit sich mit ihm wieder gut zu stellen. In der Hinsicht hatte der Walter Sedlmayr seine eigenen Prinzipien und war, wenn er ’narrisch‘ war, ein ekelhafter Hund. Er war auch sehr pendantisch.(…) Mit dem Sedlmayr-Tod hat (…) der Amadeus was damit zu tun. Obwohl er mich eigentlich nie direkt bedroht hat, muß ich sagen, daß ich immer Angst vor diesem Kerl hatte. Der ist meiner Meinung nach zu allem fähig“.

Es wurde bekannt, daß Paula und Friedrich Rott bereits am Dienstag eine Vollmacht unterzeichneten, die Werner Dahms (mit Hilfe seines Anwalts Hajo Vossberg) berechtigt, die Beerdigung am kommenden Dienstag zu organisieren.

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*Freitag, 20.Juli

Oberstaatsanwalt Horst Steiner wurde zum Leiter der Ermittlungen ernannt.

In der Presse wurde berichtet, daß bereits drei Messerstiche in die Nieren tödlich gewesen wären. Die Stiche und die Schläge mit dem Hammer erfolgten unmittelbar hintereinander.

OB Kronawitter teilte mit, daß er auf der Trauerfeier eine Rede halten würde.

Ohne Anwalt wurde Werner Dahms von den Beamten der Sonderkommision 16 Stunden lang verhört, bis zum Samstagmorgen. Tage zuvor präsentierte er den Beamten ein verschlossenes Kuvert und sagte: “Das hat mir der Herr Sedlmayr vor ein paar Tagen noch gegeben. Ich glaube, das ist ein Testament”. Das Schriftstück wurde mit Schreibmaschine verfasst und enthielt zahllose Rechtschreibfehler. Schnell wurde den Ermittlern klar, daß es sich hierbei um eine Fälschung handeln muß.

*Samstag, 21.Juli

Aufbewahrung des Sarges (dunkelbraune Eiche, geschmückt mit weißen Rosen, Gerbra, Lilien und Schleierkraut) in der großen Aussegnungshalle des Waldfriedhofs hinter einer Glasscheibe. Die Öffentlichkeit kann nun Abschied nehmen.

*Montag, 23.Juli

Paulaner-Chef Dr.Friedrich Schneider und Sedlmayr-Autor Hannes Burger gaben bekannt, daß auch sie während der Trauerfeier Reden halten werden.

Durch seinen Anwalt Siegfried Ott ließ Amadeus Wendler bekanntgeben, daß er nicht an der Trauerfeier teilnehmen werde. Ott: “Herr Wendler kann auch zuhause trauern”. Seit dem Tod Sedlmayrs hat sich Wendler zurückgezogen und sei in ärztlicher Behandlung.

Werner Dahms wiederum kündigte sein Erscheinen an: “Das ist doch eine Selbsverständlichkeit!”.

 

*Dienstag, 24.Juli

Rund 2000 Münchner versammelten sich auf dem Waldfriedhof, um Walter Sedlmayr die letzte Ehre zu erweisen. Presse und Zivilfahnder sind vor Ort.

Von den rund 550 Ehrengästen kamen nur etwa 200. Langjährige Schauspielkollegen- und Kolleginnen wie beispielsweise Uschi Glas glänzten durch Abwesenheit.

Wie angekündigt erschien Werner Dahms, der seinen Sitzplatz in der ersten Reihe mied und die Trauerfeier stehend in der dritten Reihe verfolgte. Zu diesem Zeitpunkt galt Dahms bei der Öffentlichkeit als Hauptverdächtiger, einige Zaungäste pöbelten frech: “Mörder!”.

Am Vortag erschien ein Exklusiv-Interview, das Dahms der Zeitschrift Die Aktuelle gab (unter der Überschrift “Das unheimliche Geständnis des Privatsekretärs”), und ist somit in aller Munde.

Zu den geladenen Gästen gehörten unter anderem Ruth Kappelsberger, Maler Rupert Stöckl, TV-Produzent Helmut Ringelmann, Sedlmayr-Doppelgänger Siegfried Rohrmoser, sowie Tante Paula und Onkel Freidrich Rott.

Während das Streichquartett der Münchner Philharmoniker “Die Kunst der Fuge” intonierte, öffnete sich ein blauer Vorhang, hinter dem Sedlmayrs blumengeschmückter Sarg stand.

Die Gedenkreden hielten OB Kronawitter, Joseph Othmer Zöller vom Bayerischen Rundfunk, Friedrich Schneider von der Paulaner-Brauerei und Hannes Burger. Die Reden wurden per Lautsprecher nach draußen übertragen.

Ordner hatten Mühe, die Schaulustigen vor der Trauerhalle zu bändigen, denn alle wollten sich in die vier Kondolenzbücher eintragen.

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Dieses Gedenkbild wurde während der Trauerfeier  verteilt.

Amadeus Wendler schickte als letzten Gruß einen Kranz mit der Aufschrift: “In tiefer Trauer: Dein treuer Freund Amadeus”. Auch das Hausmeisterehepaar aus der Elisabethstraße, die sich seit dem Mord um Sedlmayrs Hund Moritz kümmerten, schickten einen Kranz, so auch Dieter Thomas Heck, Karl Moik, Bruni Löbel, Paulaner München, der BR, sämtliche Mitarbeiter des Lokals Beim Sedlmayr, Bayerische Vereinsbank und 14 Verwandte.

Der Sarg wurde unmittelbar nach der Trauerfeier zum Ostfriedhof überführt, wo sich das einzige Krematorium Münchens befindet, und die sterblichen Überreste dem Feuer übergeben.

Zivilfahnder konnten während der Trauerfeier einen Kleinganoven festnehmen, der per Fahndung gesucht wurde.

Der Leichenschmaus, an dem Werner Dahms nicht teilnehmen sollte, fand anschließend im “Gasthaus am Rosengarten” statt, Walter Sedlmayrs bevorzugtes Lokal. 100 von 200 Gästen fanden sich ein. Es gab ein dreigängiges Menue: Salat, glacierter Kalbsrücken und Dessert.

Noch am selben Tag setzte Nachlasspfleger Kirchner nach Absprache mit den möglichen Erben Paula und Friedrich Rott eine Belohnung von 50 000 Mark aus, eine Anregung der Polizei, die auf eine öffentliche Fahndung angewiesen ist.

 

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*Mittwoch, 25.Juli

Walter Sedlmayr soll nicht wie geplant auf dem Münchner Nordfriedhof, sondern auf dem kleinen und unscheinbaren Prominentenfriedhof Bogenhausen beigesetzt werden, wo auch unter anderem Erich Kästner, Rainer Werner Fassbinder und Liesl Karlstadt ruhen.°

Ein Tatortfoto, das die Polizei unmittelbar nach  Auffinden der Leiche gemacht hat, wurde von der Zeitschrift „Neuen Revue“ veröffentlicht und sorgte für einigen Wirbel. Zwei Tage zuvor bot man das Foto auch der BILD-Zeitung an. Redakteur Michael Goers: „Eine männliche, jugendliche Stimme sagte: ‚Ich bin der Sohn eines Polizisten und habe ein Foto von Sedlmayr auf dem Mordbett. Für 40 000 bis 50 000 Mark können Sie es haben!'“. Der Redakteur lehnte ab, angeblich aus ästhetischen Gründen. Das wird die Zeitung allerdings nicht davon abhalten, das Foto Jahre später, als 2004 das dritte Wiederaufnahmeverfahren beantragt wurde, gleich mehrmals abzudrucken.

Es konnte nie ermittelt werden, wer das Polaroidfoto und den Ausschnitt des Polizeitagebuchs in der „Polizeidirektion Nord“ abfotografiert und verkauft hat. Zugang zum dortigen Aktenraum hatten laut Presseberichten zufolge über fünfzig Mitarbeiter, Reinigungskräfte und Dienststellenleitung.

Josef Wilfling bezeichnete die Veröffentlichung später als Supergau: „Seitdem dürfen von der Polizei keine Fotos mehr gemacht werden, außer vom Erkennungsdienst“.

*Montag, 30.Juli

Nachdem Werner Dahms vor einer Woche in einem Interview Amadeus Wendler schwer belastete (obwohl er ihn kaum kannte), reagierte Wendler und nahm Stellung zu Dahms Behauptungen, ebenfalls in der Zeitschrift “Die Aktuelle”. Wendler kann nicht verstehen, daß Dahms den Anblick des toten Schauspielers nur “eine Sekunde lang” ausgehalten habe. “Das ist mir unbegreiflich. ‘Lebt er noch, kann ich ihm helfen?’, wäre mein erster Gedanke gewesen”. Auch berichtete er von seinem letzten Telefonat mit Sedlmayr, das am Tattag stattgefunden haben soll: “Ich habe Walter angerufen, es war ein harmonisches Gespräch. Er sagte: ‘Gut, Amadeus, wir versuchens nochmal miteinander!’”.

*Dienstag, 31.Juli

Die Belohnung von 50 000 Mark wurde auf 100 000 Mark aufgestockt. Die Polizei schrieb zusätzlich 5000 Mark aus.

Werner Dahms wurde offiziell gekündigt. Nachlasspfleger Kirchner: “Da im Nachlass kein Chauffeur vorgesehen ist, mußte ich Herrn Dahms zum 30.September kündigen”.

*Mittwoch, 1.August

Gerüchten zufolge, nach denen Walter Sedlmayr HIV-positiv gewesen sein soll, wurden von offizieller Seite als “völlig haltlos” zurückgewiesen.

*Freitag, 3.August

Die Polizei richtete eine Telefonhotline ein und bat die Öffentlichkeit um ihre Mithilfe – jedoch ohne auch nur einen nennenswerten Erfolg zu erzielen.

*Dienstag, 7.August

Die Urne mit der Nummer 4950/90 stand nach wie vor in der Hinterstellungshalle des Krematoriums. Die schriftliche Genehmigung der Stadtverwaltung, nach der Walter Sedlmayr auf dem Bogenhausener Friedhof beigesetzt werden soll, war nur noch Formsache (am Donnerstag, den 30.August schließlich wurde Sedlmayr dort in aller Stille beigesetzt. Auch seine Eltern wurden dorthin umgebettet. Nachlasspfleger Kirchner veranlasste eine Grabpflege für 30 Jahre).68911645

*Donnerstag, 9.August

Großrazzia im Hause Wendler: 26 Tage nach dem Mord durchsuchten Beamte und Staatsanwaltschaft Amadeus Wendlers Haus und seine Geschäftsräume, darunter seine Backsteinvilla in Freimann, die Gaststätten Beim Sedlmayr und Freisinger Hof”, sowie drei weitere Wohnungen. Der Pressesprecher der Polizei: “Anlaß war unter anderem ein entstandener Tatverdacht für ein Vermögensdelikt zum Nachteil von Walter Sedlmayr und darüber hinaus auch Verdachtsmomente einer Beteiligung an der Tötung des Herrn Sedlmayr”. Die Verdachtsmomente waren offenbar so dünn, daß Wendler auf freiem Fuß lieb und Gerüchten zufolge einige Tage Urlaub auf Teneriffa machte.

*Samstag, 8.September

Die Belohnung zur Ergreifung des Täters wurde auf 500 000 Mark aufgestockt, eine bis dato einmalig hohe Summe in der deutschen Kriminalgeschichte.

*Mittwoch, 19.September

Nachdem die Auswertung der Spuren aus Sedlmayrs Wohnung fast abgeschlossen waren, stand fest, daß der Schauspieler von mindestens zwei Tätern ermordet wurde.

*Montag, 1.Oktober

Gegen 8 Uhr morgens wurde Werner Dahms – der mit seiner Familie immer noch in Sedlmayrs Landhaus in Murnau wohnte – von zwei Beamten der Sonderkommision “Mordfall Sedlmayr” festgenommen, da er im Verdacht stand, das Testament, sowie einen Mietvertrag gefälscht zu haben. Dieser Vertrag bescheinigte ihm und seiner Familie ein Wohnrecht für 99 Jahre in Sedlmayrs Landhaus, für lächerliche 650 Mark monatlich. Es bestand Fluchtgefahr. Im Hause Wendler dürften die Champagnerkorken geknallt haben.

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Das gefälschte Testament, das Werner Dahms wenige Stunden nach Auffinden der Leiche aufsetzte.

¹Walter Sedlmayr begeisterte sich schon früh für erlesene Antiquitäten. Seine Schauspielerkollegen waren über dessen Fachkenntnisse verblüfft. Im Zuge des Madonnenskandals 1971 beschlagnahmten die Ermittler 50 weitere Kunstgegenstände.

²In der Presse war seinerzeit nur von “zwei jugendlichen Einbrechern” die Rede (tatsächlich waren es drei, Anm.), und Walter Sedlmayr spielte den Überfall herunter. Später schrieb er dazu: “Recht unsanft wurde ich vor einiger Zeit aus dem Schlaf geweckt, von Einbrechern. Oft habe ich mir ausgedacht: Wie verhalte ich mich im Ernstfall? Was tust du, wenn Einbrecher im Haus sind? Das hab’ ich geübt wie eine Feuerwehrübung. Aber nachher hat von dieser Übung nichts gepasst”. Der Überfall ereignete sich in der Nacht zum 1.August 1982. Der 18jährige Andrija M. und seine zwei Komplizen (mit den Vornamen Mirko und Brank, einer davon war zum Tatzeitpunkt 17 Jahre alt) drangen gegen vier Uhr morgens in das Haus des Schauspielers in Feldmoching ein. Sie schlugen auf Walter Sedlmayr mit einer Taschenlampe und einer Cognac-Flasche ein und fesselten ihn mit Elektrokabeln. Dann erbeuteten sie rund 1000 Mark, sowie Schmuck und eine Uhr. Vier Stunden später wurde der wehrlose Sedlmayr von seiner damals 80jährigen Mutter entdeckt. Sedlmayr erlitt Platzwunden und eine Gehirnerschütterung. Vier Kopfwunden mußten genäht werden. Einen Monat nach der Tat wurden Straftäter am Münchner Hauptbahnhof von der Polizei entdeckt  und verhaftet.

³Mittlerweile, im Jahre 2006, hat man in letzter Instanz der Landesstadt München das Erbe von Walter Sedlmayr zugesprochen. Man hatte ursprünglich Tante Paula Rott als Alleinerbin anerkannt, die 1997 starb und verfügt hatte, daß die Stadt München als ihr Erbe eingesetzt würde. Im selben Jahr wurde bekannt, daß Sedlmayr 18 Millionen Mark hinterließ, von denen zum Zeitpunkt des Todes seiner Tante nicht mehr viel übrig blieb, da die Tante vom ursprünglichen Nachlasspfleger betrogen wurde. Rott vererbte Walter Sedlmayrs Elternhaus in Feldmoching seinem ehemaligen Chauffeur Egon Handlos, den sie auch zum Nachlassverwalter einsetzte. (Interessant am Rande: Handlos, der 2014 starb, verantstaltete am 15.Juli 1990, also einen Tag nach dem Mord, eine Geburtstagsfeier – in Wendlers ‚Freisinger Hof‘!) Im Jahre 2000 gründete man, ganz im Sinne der verstorbenen Tante, die „Walter Sedlmayr-Paula Rott-Stiftung“. Zweck dieser Stiftung ist es, Geldleistungen an notleidende alte Münchnerinnen und Münchner, die durch Krankheit, Arbeitslosigkeit oder sonstige unverschuldete Umstände in Not geraten sind und sich allein finanziell nicht mehr helfen können, zu gewähren. Entsprechende Ausschüttungen finden seitdem jährlich an diesen Personenkreis statt.

Hans Ägidius Kirchner beging im Sommer 1997 Selbstmord, da sein Ruf ruiniert war. Was war geschehen? Kirchner wandelte sich Monate nach Sedlmayrs Mord in eine jämmerliche Figur, die man im Volksmund als ‚Erbschleicher‘ bezeichnet. Er drängte sich der hochbetagten Tante Paula Rott auf, schleimte sich als ihr Vermögensberater bei ihr ein und überredete sie unter anderem zu einem Erbvertrag, der im August 1992 unterzeichnet wurde. Somit floß ein Teil der 18 Millionen Mark in seine Hände. Einen Großteil von Sedlmayrs Immobilien, die auf rund 17 bis 19 Millionen Mark geschätzt wurden, riss er sich ebenfalls unter den Nagel. Im Januar 1996 trennte sich Paula Rott von ihm und prozessierte wenige Monate später, erreichte allerdings nur einen kostspieligen Vergleich. Als sie dann starb, waren lediglich noch 3,9 Millionen Mark vorhanden. Der Rest war mit erheblichen Schulden belastet, so das am Ende tatsächlich nur noch etwa eine Million übrig blieb.

°Der kleine Bogenhausener Friedhof ist nur Prominenten vorbehalten, sowie Bogenhausenern, die mindestens 30 Jahre in diesem Stadtteil wohnten.

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Montag, 16.Juli 1990: Die Werbeplakate werden überpinselt. Foto (c) tz

6.- Die Ermittler unter Erfolgsdruck


“Die nackte Wahrheit ist die Obszönität der gesitteten Gesellschaft.” -Thomas Möginger (*1987), Logopäde, Student der Biomedizin


In den Wochen und Monaten nach der Ermordung arbeitete die Mordkommission auf Hochtouren. Die Belohnung wurde nach Rücksprache mit den Sedlmayr-Erben Paula und Friedrich Rott auf 500 000 Mark hochgeschraubt, in der Hoffnung, daß jetzt eventuell irgendjemand auspackt.

Dutzende Verhöre wurden im Milieu vorgenommen. Informationen wurden zusammengetragen und es stellte sich schnell heraus, daß Walter Sedlmayrs sexuelle Gelüste weit harmloser waren, als von der Presse behauptet.

Josef Wilfling, einer der damaligen Mordermittler, fand heraus, daß Walter Sedlmayr in der Stricherszene sehr beliebt war. “Wir mußten Ermittlungen in diese Richtung anstellen. Es gab durch die Polizei Razzien in nahezu allen einschlägigen Örtlichkeiten, in denen Stricher vermutet wurden”. (Wilfling selbst hatte vom Mord durch das Radio erfahren: „Und es war sehr merkwürdig: Wenige Stunden vorher hatte ich mich nämlich mit einem Kollegen über die vielen Homo-Morde unterhalten, die es damals fast wöchentlich gab. Der meinte zu mir: ,Jetzt fehlt nur noch, dass der Sedlmayr umgebracht wird.’ Wir hatten intern ja alle von seiner Homosexualität gewusst. Am Abend kam die Nachricht – und dann begann die Hölle. Wobei ich gar nicht am Tatort war. Ich bin erst ein paar Tage später eingestiegen, als die Spuren verteilt wurden. Ich habe die Nummer 09 bekommen, dabei ging es um die Geschäftspartner. Dass die letztendlich zum Täter geführt hat, konnte am Anfang noch keiner ahnen“.)

Den Ermittlern ist klar geworden, daß am Tatort offensichtlich eine falsche Spur gelegt wurde. Die Peitsche, die man unter dem Bett auf dem Boden fand, war verstaubt und ruhte jahrelang in einem verschlossenen Schrank; sie diente also nicht zur sexuellen Befriedigung Sedlmayrs. Wertvolle Uhren und Schmuck wurden von den Tätern weitestgehend nicht beachtet und liegengelassen.

Es stellte sich nun die Frage, wer Interesse gehabt haben könnte, es nach einem Strichermord aussehen zu lassen – und wer wußte von Sedlmayrs sexuellen Vorlieben?

Zunächst fiel das Augenmerk auf Werner Dahms, der den Leichnam entdeckte. In den ersten Vernehmungen verstrickte er sich in Widersprüche und bei den Ermittlern gewann man schnell den Eindruck, daß etwas nicht stimmen konnte, zumal er auch angab, von der Homosexualität Sedlmayrs nichts gewußt zu haben – ungewöhnlich für jemanden, der im Grunde tagtäglich mit dem Star zu tun hatte. Doch Dahms blieb dabei und sagte aus, daß er “keinen blassen Dunst” von Sedlmayrs Veranlagung gehabt hätte.

Dasselbe erzählte er Tage später der Zeitschrift “Die Aktuelle”:  “Ich wußte nicht, was er nach Feierabend trieb“.

Die Ermittler nahmen bei Werner Dahms drei Hausdurchsuchungen vor und die Presse stürzte sich auf das Privatleben des Sekretärs, wobei er selbst dafür sorgte, ins grelle Licht der Öffentlichkeit zu geraten.

Man staunte nicht schlecht, als am Montag, den 23.Juli (einen Tag vor Walter Sedlmayrs Trauerfeier) die neueste Ausgabe von “Die Aktuelle” erschien und ein Interview mit Dahms brachte: daß ein Hauptverdächtiger an die Öffentlichkeit geht und aus seinem Leben mit dem Opfer plaudert, hat es noch nicht gegeben.

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Werner Dahms während seines Interviews.

Die Verdachtsmomente reichten nicht aus, um Werner Dahms wegen Mordes festzunehmen. Er blieb allerdings unter Beobachtung, genauso wie sein “Rivale” Amadeus Wendler, der nächste Verdächtige im Mordfall.

In seiner ersten Vernehmung, nur wenige Stunden nach Auffinden des Toten, gab Wendler an, bei Sedlmayr in Ungnade gefallen zu sein, habe sich aber mit dem Schauspieler wieder ausgesöhnt. Diese Aussage entlastete ihn zunächst. Warum sollte er Sedlmayr ermorden, wenn die beiden es nochmal miteinander versuchen wollten?

Unter den vielen Befragten war Wendler die einzige Person, die behauptete, der Schauspieler hätte eine Vorliebe für Sado-Maso-Praktiken gehabt. Laut der Mordkommission stellte Wendler ihn als einen Menschen dar, der harten, sadistischen Sex bevorzugte.

Das Umfeld von Amadeus Wendler wurde genauer unter die Lupe genommen. So stießen die Ermittler auf dessen Halbbruder Martin Langer.

*

Amadeus Wendler und Martin Langer hatten verschiedene Väter, jedoch eine Mutter: Ilse Langer.² Mit 17 Jahren lernte sie den Beamten Martin H. kennen, den sie nur ein Jahr später heiratete. Aus Stolz auf ihre Familie aus dem Arbeitermillieu behielt sie ihren Mädchennamen.

Doch die Ehe, aus der vier Kinder hervorgingen, war zum Scheitern verurteilt. Ihr Mann schlug und quälte seine Frau über Jahre hinweg. Auch die älteren Kinder, Klaus und die kleine Ilse, schlug Martin H., der zeitweise als Aufseher in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim arbeitete, regelmäßig. Nachdem das dritte Kind zur Welt kam, wurde Ilse Langer wieder schwanger – von einem anderen Mann!

Martin H. akzeptierte den unehelichen Sohn Martin nie. Der blonde, schüchterne Junge verkraftete die Verachtung seines Stiefvaters nicht und klammerte sich daher an seinen jüngeren Bruder Amadeus, der 1954 geboren wurde.

Beide wuchsen von Kindheit an mit Gewalt auf. Laut einer Münchner Zeitung, die in der Vergangenheit von Amadeus Wendler und  Martin Langer recherchierte, lösten die beiden Halbbrüder Probleme gerne mit den Fäusten.

Die väterliche Gewalt in der Familie Langer erreichte 1964 ihren Höhepunkt, als Ilses eifersüchtiger Mann ihr eines Abends im Hausflur auflauerte und, mit einer Flasche Salzsäure bewaffnet, ihr das Gesicht verätzen wollte. Sein Wurf verfehlte zum Glück nur knapp das Ziel. Nach diesem Attentatsversuch ließ sich Ilse endlich scheiden.

Amadeus und Martin lebten unter der Woche in der Jugendheimstätte Spengeldorf in Freimann.

Im zunehmenden Alter entwickelten sich die beiden Brüder auseinander: während sich der stille Martin immer mehr zurückzog und zu einem Einzelgänger wurde, begann Amadeus aktiver und selbstständiger zu werden. Er zog mit 17 von zuhause aus und begann eine Lehre als Friseur.

Als er dann später in die Gastronomie einstieg, umsorgte er Mutter Ilse und seinen Halbbruder Martin.

*

Wie Amadeus Wendler war auch Martin Langer 1990 bereits mehrfach vorbestraft. Josef Wilfling kann sich noch genau an die erste Vernehmung Langers erinnern: “Er hat offen zugegeben, daß er Walter Sedlmayr nicht gemocht hat. Er hat ihn nicht leiden können und nie begriffen, warum sein Bruder Amadeus sich diesem Mann zuwendet”.

Die Ermittler wußten zu diesem Zeitpunkt bereits von anderen Zeugen, daß Langer zum Tatzeitpunkt nicht in seiner Wohnung war.

Bei den Vernehmungen wirkte er nervös, unsicher und rastete schließlich aus, als Wilfling ihn in die Ecke trieb. Da hatte der Chefermittler instinktiv gespürt, daß Langer etwas mit der Tat zu tun haben muß. Langer versuchte, die Vernehmung zu zerreissen und verließ wutentbrannt das Büro.

Martin Langer weigerte sich fortan, zu weiteren Vernehmungen zu erscheinen und auch Amadeus Wendler lehnte jede Kooperation ab. Da fassten die Ermittler den Entschluß, zwei V-Männer einzusetzen (erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik), die in den Wirkungskreis der Brüder eingeschleust werden sollten. So erhoffte man sich weitere wichtige Informationen, die zur Überführung der Täter beitragen sollten.³

*

Am Dienstag, den 4.August, schlugen die Ermittler bei Amadeus Wendler erstmals zu: sie durchsuchten sämtliche Geschäfts- und Wohnräume. Dies konnte nur zustande kommen, da gegen ihn ein Tatverdacht für ein Vermögensdelikt zum Nachteil von Walter Sedlmayr vorlag – die unterschlagenen Waren, die Wendler in den “Freisinger Hof” verfrachten ließ.

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Ein Presseartikel nimmt die Geschäftsbeziehung von Walter Sedlmayr und seinem Assistenten unter die Lupe. Das Foto zeigt die beiden in der Gaststätte „Freisinger Hof“ in München/Oberföhring, um 1989.

 

Im Dachgeschoss seiner Villa in Freimann wurde eine abgesägte Schrotflinte gefunden, die Teil der Tatbeute aus einem Raubmord an einen Förster im Schweinfurter Raum war. So stellten die Ermittler die Verbindung zu dem vorbestraften Jugoslawen Petar Vrbatovic her, der an dem Raub beteiligt gewesen sein soll und gleichzeitig mit Martin Langer befreundet war.° Vrbatovic wurde als der dritte Mann im Bunde gehandelt, doch letztlich verlief diese Spur im Sande und es war klar, daß er mit der Tötung an Walter Sedlmayr nicht das geringste zu tun hatte.

Amadeus Wendler blieb noch auf freiem Fuß. Um die Ermittler und die Presse zu narren, ließ er bekannt geben, daß er jetzt erstmal Urlaub auf Teneriffa mache. In Wahrheit flog er in die Türkei.

*

Nachdem alle Spuren am Tatort sichergestellt wurden, stand fest, daß Walter Sedlmayr von mindestens zwei Tätern umgebracht worden ist. Auch konnte ein möglicher Tathergang rekonstruiert werden.

Der Schauspieler muß seine Mörder gut gekannt haben, da er ihnen entweder die Wohnungstür öffnete, oder sie sich mit einem Schlüssel Zugang zur Wohnung verschafften. Nachschlüssel hatten lediglich Werner Dahms und Amadeus Wendler, der allerdings später vor Gericht angab, ihn vor der Tat bei Sedlmayr abgegeben zu haben. Josef Wilfling: “Nachdem wir nachvollziehen konnten, war es ein Überfall auf Sedlmayr, als er sich in seiner Bibliothek aufhielt. Ich gehe davon aus, daß er gefesselt wurde, und ich gehe davon aus, daß er geschlagen wurde. Und ich gehe davon aus, daß er dann in das Schlafzimmer verbracht wurde und dort gefoltert worden ist. Man hat versucht, gewisse Details aus ihm herauszulocken”.

Die Folterungen dienten womöglich dazu, aus ihm herauszupressen, wo sich irgendwelche Dokumente usw usf befanden.

Man warf Walter Sedlmayr gefesselt auf sein Bett und stellte dann den Schauspieler mehrfach auf den Kopf, das die gefundenen Blutspuren beweisen, die von unten nach oben geflossen sind – man hat ihm vorher einen 24 Zentimeter langen Schnitt am Hals zugefügt, vom linken Ohr zum rechten, genauso tief, daß er nicht lebensbedrohlich war.

Außerdem stach man in seine Nieren ein, einen Stich in die linke, acht in die rechte Seite. Sieben dieser Stiche sahen aus, als ob das Opfer gepiekst worden sei, bevor der äußerst schmerzhafte Stich in die Tiefe gesetzt wurde.

Der verwundete Sedlmayr wurde außerdem mehrfach auf dem Bett hin- und hergewältzt, da weitere Blutspuren zickzack verliefen. Hätte sich Walter Sedlmayr selbst umgedreht, wären sie wellenförmig gewesen.

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Unter dem Bett, auf „2“, liegt der Hammer, mit dem Walter Sedlmayr brutal erschlagen wurde. Foto aus dem Buch „Die Mordakte Walter Sedlmayr“ von Petra Cichos.

Es waren mindestens zwei Täter, die Sedmayr ermordeten. Nachdem sie ihn folterten, kniete einer auf dessen Rücken, während der zweite Täter mit der stumpfen Seite eines Schlosserhammers den Hinterkopf zertrümmerte. Mindestens vier wuchtige Schläge erfolgten. Walter Sedlmayr muß noch verzweifelt versucht haben, sich zu wehren, was durch die Hand- und Fußfesseln jedoch unmöglich war. Es floß dabei sehr viel Blut. Auf einer Fläche von vier mal sieben Zentimetern wurde die Schädeldecke zertrümmert. Sedlmayr hat noch gelebt, als die ersten Schläge niedergingen. Die Schmerzen, die er in diesem Moment zu ertragen hatte, müssen unvorstellbar gewesen sein. Vor den letzten ein bis zwei Schlägen wurde ein Bademantel auf den Kopf von Sedlmayr geworfen, um weitere Blutspritzer zu vermeiden. Dies ergaben Gewebsanhaftungen.

Das Gesicht des Toten spiegelte die Folter und furchtbaren Qualen wider. Josef Wilfling schrieb dem Autoren: „Das Gesicht Sedlmayrs -eigentlich eine vor Schmerz verzerrte Fratze-, wird  mich bis an mein Lebensende begleiten, da es die Folter erkennen ließ, die er durchlitten hatte. Nicht zu beschreiben“. Die Autorin Petra Cichos hatte sich die Fotos vom toten Schauspieler während der Arbeit an ihrem Buch 2017/2018 betrachtet (sowohl die vom Tatort, als auch die späteren, die während der Obduktion angefertigt wurden): „Diese Fotos sind schrecklich! Die Augen waren geschlossen. Bei den Obduktionsfotos sind die Gesichtszüge sozusagen geglättet….erlöst…“

Anhand des Obduktionsberichts und Zeugenaussagen muß der Mord am Samstag des 14.Juli zwischen 16 und 21 Uhr 20 stattgefunden haben. Wie die Polizei feststellte, führte Sedlmayr gegen 15 Uhr 45 noch ein Telefonat (mit dem untergetauchten Angestellten). Als seine Freundin Elfie Pertramer gegen 19 Uhr bei ihm anrief, hob Walter Sedlmayr nicht mehr ab. Zu diesem Zeitpunkt war Sedlmayr eventuell noch am Leben, allerdings schon in der Gewalt der Täter – oder bereits tot.

Im Obduktionsbericht vom 20.Juli stand unter anderem folgendes: Walter Sedlmayr. (…) Blutgruppe B, Rhesus positiv, HIV negativ. Gesicht, Brust, Bauch, Arme blutverkrustet. Wangen und Nase Abschürfungen. Offenbar Spuren von Schlägen. Auf dem unbehaarten Hinterhaupt klafft eine fetzigrandige Trümmerzone, aus der Hirngewebe ausgetreten ist. Verletzung am Kleinhirn und Stirnlappen. Ein 24 Zentimeter langer Schnitt führt von reechts rund um den Hals. Tiefe Stiche in der Hüftregion. Verletzung linker und rechter Nierenboden. Die starken Einblutungen deuten darauf hin, daß diese extrem schmerzhaften Wunden dem Opfer vor dem Tod zugefügt worden sind. Kein Hinweis auf Geschlechtsverkehr kurz vor dem Tod. Wahrscheinliche Todesursache: Zentale Lähmung bei ausgedehnten Hirngewebszertrümmerungen und Hirnquetschungen nach Einwirkung stumpfer oder halbstumpfer Gewalt im Hinterhauptbereich.

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Währenddessen die Halbbrüder Wendler-Langer von V-Männern ausspioniert wurden, traf bei den Ermittlern das Ergebnis der Sachverständigen beim LKA für Faserspuren ein. Am Tathammer und an der Lederpeitsche befanden sich dieselben auffälligen, rotstrukturierten Fasern, wie bei der Kleidung von Wendler und Langer – ein wichtiges Indiz für den späteren Prozess, der aber erstaunlicherweise für den Urteilsspruch nicht ausschlaggebend war.

Die Frage, die die Ermittler jetzt beschäftigte: wo waren die beiden zum besagten Tatzeitpunkt?

Sie sagten aus, an diesem Nachmittag im Freisinger Hof gewesen zu sein, wo eine Hochzeitsfeier stattfand. Der eifrige Josef Wilfling und sein Team müssen sich wie Schneekönige gefühlt haben, als eine VHS-Kassette auftauchte, die die Ereignisse festhielt: ein Amateurvideo, welches Datum und Uhrzeit anzeigte, bewies, daß die Brüder früher als behauptet die Hochzeitsgesellschaft verließen. Wilfling fuhr den Weg vom “Freisinger Hof” zur Elisabethstraße mehrere Male ab und fand heraus, daß genügend Zeit war, die Hochzeitsgesellschaft zu verlassen, um “einen dringenden Termin” zu erledigen, wie sich Amadeus Wendler noch bei der Hochzeitsbraut entschuldigte (er verließ den “Freisinger Hof” gegen 17 Uhr 30).

Die wohl kürzeste Strecke vom „Freisinger Hof“ in der Oberföhringer Straße bis zur Elisabethstraße dauert, sofern keine Staus vorherrschen, etwa 15 bis 20 Minuten und beträgt 7,6 Kilometer. Sie führt über den Isarring, mitten durch den Englischen Garten.

Alles passte. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Ermittler erneut zuschlagen würden, um Amadeus Wendler festzunehmen.

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Nach über vier Monaten Untersuchungshaft in Stadelheim brach der hagere und bleiche Werner Dahms in seiner Zelle zusammen. Er hatte Sehnsucht nach seiner Familie und gestand endlich, das Testament und den Mietvertrag manipuliert zu haben, der ihm ein Wohnrecht für die nächsten 99 Jahre in Sedlmayrs Landhaus in Murnau garantierte. Die schönen Vorstellungen eines unbeschwerten Lebens mit seiner Familie endeten auf dem kalten Betonboden seiner kargen Gefängniszelle (Dahms wurde später zu einer Bewährungsstrafe verurteilt).

Als sich ihr Mann in U-Haft befand, versuchte Laurence Dahms sich und ihre Familie mit einer Tanzschule namens “Compagnie Ballet Classique” über Wasser zu halten.

Am 4.März 1991 kam Werner Dahms gegen eine Kaution von 40 000 Mark auf freien Fuß und versuchte sich anschließend als Taxifahrer, doch eine FDP-Stadträtin drängte sich an die Öffentlichkeit und verkündete, daß der gute Ruf der Münchener Taxler durch “Kriminelle wie Herrn Dahms” belastet werde – das öffentliche Aus für Werner Dahms.∼

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Währenddessen zog sich die Schlinge um Amadeus Wendler und seinem Halbbruder Martin Langer immer mehr zu. Im April 1991 wurde Langer erstmals in der Presse erwähnt (“Zwei Brüder unter schwerem Verdacht – Ermittlungen unmittelbar vor Abschluß”), der sich daraufhin in psychologische Behandlung begab – mit der öffentlichen Anschuldigung, an der Ermordung an Walter Sedlmayr beteiligt gewesen zu sein, wurde Martin Langer nicht fertig –, sich, mit den Nerven am Ende, zurückzog und für kurze Zeit verschwand.

Das Klatschblatt Die Bunte berichtete, daß zwei Indizien eindeutig gegen Langer sprechen: zum einen soll sein Fingerabdruck im Waschbecken der Sedlmayr-Wohnung sichergestellt worden sein, zum anderen wurden Fussel in Langers linker Hosentasche gefunden, die aus dem Samtbett einer Münzschatulle Sedlmayrs stammten, die sich bis zur Ermordung in dessen Safe befunden habe.

Dann meldete sich ein 43-jähriger Mann, Florian B., der im Frühjahr 1989 eine 14-jährige Haftstrafe wegen 17 Raubüberfällen abgesessen hatte und im Mai 1989 in einer Kneipe an der Autobahnraststätte in München/Freimann, unmittelbar nach seiner Haftentlassung, auf Martin Langer traf. Die beiden Männer kamen ins Gespräch. Im Laufe der Unterhaltung bot Langer dem Ex-Knacki 100 000 Mark an, wenn er Walter Sedlmayr in dessen Wohnung erschießen würde. Langer: „Da gibt’s einen, der stört unsere Geschäfte, der müsste weg. Aber es ist kein Risiko. Der Mann hält zwischen zwölf und zwei Uhr seinen Mittagsschlaf. Der macht dir keinen Ärger. Außerdem gebe ich dir einen Wohnungsschlüssel, nullo Problemo“. Doch Florian B. hatte anschließend nichts mehr von Langer gehört. Erst, als er die ersten Fotos von Langer in der Presse sah, erinnerte er sich an den Vorfall und ging zur Polizei.

Ein anderer Zeuge, der bereits im Juli 1990, kurz nach der Tat, bei der Polizei war, wußte der Presse folgendes zu berichten: „Ich fuhr mit Herrn Wendler im Auto (Anfang 1989). Auf der Fahrt regte sich Herr Wendler sehr über die Launen von Herrn Sedlmayr auf. Und sagte: ‚Zur Zeit spinnt der Sedlmayr sowieso. Wenn der mit mir so weitermacht, dann haue ich ihm noch den Schädel ein.'“

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Während der weitreichenden Ermittlungen fielen natürlich auch zwei weitere Personen auf, die sich im kriminellen Dunstkreis der Halbbrüder aufhielten: einer von ihnen hieß Roland. Er war bei Walter Sedlmayr zwischen Februar 1987 und Mai 1988 als „Mädchen für alles“ angestellt. Den Job besorgte ihm sein alter Freund Amadeus Wendler. Unter anderem trug Sedlmayr seinem neuen Angestellten auf, ein Auge auf den damals frischen Privatsekretär Werner Dahms zu werfen. Ronald: „Das Vertrauen zwischen Herrn Sedlmayr und mir war sehr groß. Er gab mir alle Schlüssel zu seinen Häusern. (…) Übrigens sagte der Sedlmayr mal bei einer gemeinsamenen Autofahrt, es war 1988, zum Thema Testament, daß er noch keins gemacht hätte. Aus Spaß sagte er dann noch in seinem Bayerisch: ‚Wegen so a Stückl Papier san scho mehr Leit gstorbn. Ich will ja noch länger lebn'“. Am Tattag traf sich Ronald mit Manfred Langer gegen 20 Uhr: „Er wollte von mir über ein Notstromaggregat und Solaranlage etwas wissen, welches Amadeus mal für sein Spaniengrundstück gekauft hatte. Wir trafen uns im Lokal ‚Heiners‘ und verabredeten uns für den nächsten Tag, wo auch der Amadeua kommen sollte“. Dieses Treffen am Samstag hatte Langer bei seinen ersten Ermittlungen verschwiegen.

Im August 1990 sagte Roland zu den Ermittlern: „Ich hatte dem Halbbruder von Amadeus mal ein Aggregat, eine Baumaschine, besorgt.  Ich habe auf dem Bau gearbeitet. Dieses Aggregat ging nach Spanien auf das dortige Grundstück von Amadeus. Darüber stand ja in der Zeitung, daß dieses wohl geklaut sei. Amadeus bat mich, daß ich bestätige, daß es nicht geklaut war. (…) Am Sonntag, den 15.Juli 1990, haben wir uns jedenfalls deshalb im Biergarten getroffen. Der Amadeus, sein Halbbruder und ich mit meinem Sohn. (…) Wir waren bis 20 Uhr im Biergarten. (…) Paar Tage nach dem Sedlmayr-Mord kam der Halbbruder zu mir. Das war am 18.Juli 1990. Der Halbbruder wollte wissen, ob ich schon bei der Polizei war und sagte da auch zu mir, daß er entweder am Sonntagabend oder am Samstagabend, 14.Juli 1990, in der Elisabethstraße vorbeigefahren sei und gesehen hat, daß in der Sedlmayr-Wohnung noch Licht brannte. Ich weiß nicht, ob er  Samstag oder Sonntag sagte (es war der Sonntag, Anm.)“.

Im Juni 1991, bei einer weiteren Vernehmung, belastete Roland seinen alten Bekannten Wendler, nachdem er diesen und seinen Halbbruder zwei Tage zuvor getroffen hatte: „Was das Motiv des Amadeus betrifft: Der Sedlmayr hat ihm ja 150 000 DM für sein Spaniengrundstück gegeben. Das hätte er zurückzahlen müssen. Wenn der Sedlmayr aber tot ist, dann nicht.“ Über Martin Langer sagte er: „Ich bin mir sicher, daß Wolfgangs Halbbruder für ihn alles tun würde. Sogar alles auf sich nehmen würde. Er würde sogar den Amadeus aus der Sache (dem Mord an Sedlmayr) raushalten“. Außerdem erwähnte Roland eine geschmacklose Szene, die auch gut zu den Halbbrüdern passt: „Schockiert war ich, wie beide bei diesem Treffen mit mir vor ein paar Tagen sich über den Herrn Sedlmayr lustig gemacht haben. Bei einem dieser dreckigen Witzen war die Frage, warum die Trauergäste am Grab von Sedlmayr die Kränze aufs Grab geworfen und nicht niedergelegt hätten. Die Antwort war, daß die Leute Angst hatten, sich am Grab von Sedlmayr zu bücken. Ich habe mich darüber schockiert gezeigt und der Halbbruder hat nur zu mir gemeint: ‚Tu doch nicht so!‘. Der Amadeus hat nur gelacht.“ Wie schön, daß den beiden das Lachen bald gründlich vergehen sollte.

Im Mai 1989 kam es zur Trennung zwischen Walter Sedlmayr und Roland. Wendler intrigierte eifersüchtig zwischen Sedlmayr und Roland, denn Roland fungierte mittlerweile als die rechte Hand des Schauspielers: „Ich war für Walter, wie er selbst oft sagte, seine Augen und seine Ohren“. Roland befand sich am Tag des Mordes zuhause und sammelte Unterlagen für die Steuer (er war mittlerweile Subunternehmer, er und sein Partner machten einen monatlichen Umsatz von 9000 DM).

Ein anderer hieß Roman M, der mit Amadeus Wendler seit 1982 bekannt war. Laut eigener Aussage hatte er ihn zuletzt Mitte Juni 1990 gesehen, kurz danach musste er eine Haftstrafe wegen Körperverletzung antreten. Am Wochenende, an dem Sedlmayr ermordet wurde, hatte er Ausgang. M.: „Ich hatte am 14.Juli 1990 Ausgang  bis Sonntag früh. Ich war in der Zeit bei meinem Bekannten. Er heißt Jürgen. Wir haben uns abends einen Boxkampf angeschaut. Gegen 14 Uhr habe ich die Claudia, die Schwester von Jürgen, im Krankenhaus besucht, da ich mit ihr befreundet bin. Gegen 18 Uhr war ich in meiner Wohnung, weil sich ein Kaufinteressent für mein Auto sich angemeldet hatte. Der ist aber nicht erschienen. Also bin ich ins Cafè, wo sich Jürgen und der Rudolph, auch ein Bekannter, befanden. In Schwabing. Dort war ich bis 19 Uhr. Dann wieder zurück nach Hause. Da hatte sich ein anderer Autointeressent angemeldet. Der kam aber auch nicht. Ich habe mir dann was zu Essen gemacht und bin dann gegen 20 Uhr 30 oder 21 Uhr zum Boxkampf. Bis gegen 22 Uhr. Übernachtet habe ich bei dem Jürgen. Ja, ich war damals, 1986, mit in Spanien und habe dem Amadeus Sachen für sein dortiges Grundstück gebracht.“ Roman M. war mit der Schwester der Halbbrüder, Beatrix, liiert.

Eine ehemalige Lebensgefährtin von Roman M. wurde am 20.September 1990  befragt und gab grausige Informationen über ihren Ex-Freund preis: „Roman ist sehr gewalttätig und gefährlich. Der Roman kennt auch den Sedlmayr und hat sicher mit dem Mord was zu tun. Roman hat schon mal jemanden gedroht, ihm das Gesicht zu zerschneiden. Ich kenne auch den Amadeus. Und der hat immer erzählt, wie gut er den Sedlmayr kennt. Alle Familienmitglieder des Amadeus‘ sind von ihm finanziell abhängig. Der Roman hat mit Sicherheit mit dem Amadeus krumme Geschäfte gemacht. Ich habe mich von dem Roman endgültig 1987 getrennt. Wegen den ständigen Misshandlungen.(…) Als ich in der Zeitung gelesen habe, daß der Amadeus verdächtigt wird, habe ich gedacht, daß auch der Roman mit der Sache etwas zu tun haben könnte. Ich halte ihn für fähig, daß er einen solchen brutalen Mord begeht, ohne mit der Wimper zu zucken. Amadeus selbst würde sich wohl nicht die Finger dreckig machen. Zu ihm würde passen, daß er jemand beauftragt. Der Roman. Erstens würde Roman es für Amadeus tun, zweitens tut er für Geld alles. Ich habe keine Hassgefühle oder Rachegefühle. Ich bin über die Beziehung hinweg. Mir ist der Mann völlig egal. Ich schätze ihn ganz objektiv für so brutal ein. (…) Daß der Jürgen (ein gemeinsamer Freund von Roman M. und den Halbbrüdern, Anm.) dem Roman ein Alibi gegeben hat, darüber kann ich nur lachen. Der Jürgen ist ja selbst ein Schläger.“ Etwa vier Wochen vor ihrer Aussage hatte sie aus reiner Neugierde Amadeus Wendler angerufen und gefragt, wie es ihm ginge. Sie fragte auch nach Roman M. Wendler bestätigte, daß sie noch Kontakt hatten: „Ja, der besucht mich ab und zu. Der ist ja immer noch da draußen“. Auf ihre Nachfrage, was er denn mit „da draußen“ meinte, wechselte Wendler schnell das Thema.

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Beim Studieren der Akten fällt auf, daß sowohl Beatrix, die Schwester von Langer und Halbschwester von Wendler, als auch Sonja, die Lebensgefährtin von Martin Langer, sowie die Sekretärin von Wendler ständig widersprüchliche Angaben und Aussagen machten. Aus den Ermittlungsakten geht klar hervor, daß sie die Halbbrüder deckten und vor allem von Amadeus Wendler klare Anweisungen erhielten, was sie zu sagen hätten und was nicht. Die leidigen Details dazu möchte ich dem Leser an dieser Stelle ersparen. Fakt ist, daß sich die Albibis von Wendler als null und nichtig herausstellten. Von 17 Uhr 30 bis 19 Uhr klaffte eine Lücke, in der sich Wendler nicht im Freisinger Hof aufhielt – das war den Ermittlern Ende Juni 1991 vollkommen klar.

Es sollte nur noch wenige Tage dauern, bis die Polizei an Amadeus Wendlers Haustür klingeln sollte, um ihn wegen Mordes an Walter Sedlmayr zu verhaften.

 

¹Walter Sedlmayr hatte mit seiner Tante und seinem Onkel so gut wie keinen Kontakt. Seinem Onkel schuldete er angeblich 5000 Mark, die er in jungen Jahren von ihm auslieh, aber nie zurückzahlte.

²Ilse Langer starb 2005.

³Die beiden V-Männer erhielten schließlich die Belohnung von 500 000 Mark, nachdem die Brüder Wendler und Langer des Mordes an Walter Sedlmayr überführt wurden.

°Petar Vrbatovic gehörte Ende der 80er Jahre einer kriminellen jugoslawischen Bande an, die im Süden Deutschlands aktiv war. Es stellte sich aber heraus, daß Vrbatovic im Sommer 1990 in Jugoslawien seinen Wehrdienst ableistete und unmöglich in München sein konnte. Er kannte Walter Sedlmayr persönlich und bot ihm in der Vergangenheit mehrfach seine Liebesdienste an.

Eine Taxilizenz erwarb Werner Dahms, bevor er Walter Sedlmayr kennenlernte. Als er im Oktober 1990 wegen Urkundenfälschung verhaftet wurde, hat man ihm diese kurzzeitig entzogen.

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Der junge und hübsche Petar Vrbatovic galt lange Zeit als dritter Mann im Bunde.

7.- Schuldig aufgrund Indizien


“Denn Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, alles, was verborgen ist, es sei gut oder böse.” -AT Prediger, 12,14


 

Am Dienstag, den 2.Juli 1991 um 7 Uhr 3 und 354 Tage nach dem grauenvollen Mord an Walter Sedlmayr fuhren vier Zivilautos – drei Audi und ein BMW – von der Freisinger Straße kommend in die Zehetmeierstraße in Freimann vor und hielten vor der Backsteinvilla von Amadeus Wendler.

Ein untersetzter, gnomartiger Mann mittleren Alters bezog Stellung: Staatsanwalt Jungnick von Wittken. Ein Reporterteam der Münchner Abendzeitung, das eine bevorstehende Festnahme von Amadeus Wendler witterte, erkannte den Beamten und fragte nach, ob sie die Szenen festhalten dürfen. Sie durften.

Gegen 7 Uhr 5 sprangen zehn Kripobeamte aus den Fahrzeugen, unter dem Kommando von Ermittler Josef Wilfling.

Amadeus Wendler drückte, im Schlaf überrascht, den Summer der Gartentür. Zwei Beamte postierten sich auf der Straße, zwei im Garten und sechs weitere, flankiert von Wilfling, betraten das Haus und händigten dem Hausherren den Haftbefehl aus: “Herr Wendler, sie sind verhaftet. Wir machen sie darauf aufmerksam, daß alles, was sie jetzt sagen, gegen sie verwendet werden kann”. Wendler verschwand mit den Beamten im Haus.

Etwa zwanzig Minuten später trat ein sichtlich verstörter Wendler in Begleitung von Kripobeamten aus dem Haus. Für den Fotografen der Münchner Abendzeitung ein gefundenes Fressen: Wendler, der einen giftgrünen Jogginganzug trägt, hält in seiner linken Hand den rosa Haftbefehl, während er von Wilfling und drei anderen Kripobeamten zum Auto geführt wird.

Als Amadeus Wendler den aufdringlichen Fotoggrafen erblickte, zischte er: “Wenn du mich noch einmal fotografierst, dann schmier’ ich dir eine!”. Wilfling klopfte ihm lässig auf die Schulter: “Herr Wendler, in der Früh’ bitte keine Watschn’, auf geht’s ins Präsidium!”.¹

 

Unbenannt (305)Der Festgenommene nahm mit zwei Polizeibeamten in einem dunkelbraunen Audi80 platz, der direkt zum Polizeipräsidium fuhr. Zeitgleich wurden an 14 anderen Orten in München Hausdurchsuchungen vorgenommen, denn man fahndete noch nach Martin Langer, der sich aus dem Staub gemacht hatte.

Doch dies war nur ein taktischer Schachzug Wilflings, um die Presse, die Öffentlichkeit und somit auch Langer hinters Licht zu führen: in Wahrheit war einer der zwei V-Männer, den Langer mittlerweile als seinen besten Freund bezeichnete, stets zugegen und war über alle Pläne von Martin Langer informiert. Somit wußten die Ermittler, wo sich Langer aufhielt und was er vorhatte.

Die im Grunde einzige Person, die während der ganzen Zeit zu den Halbbrüdern hielt, war deren Mutter Ilse. “Meine Buben sind unschuldig”, beteuerte sie unter Tränen in einem Interview mit der “Münchner Abendzeitung”. “Ich kann nicht mehr, jetzt geht das schon ein ganzes Jahr. Die Polizei verhaftet jetzt nur, weil sie nach den erlogenen Presseveröffentlichungen unter Druck steht!”. Gegenüber der tz sagte sie: „Ich schwöre bei meinem Leben, sie haben mit dem Tod von Walter Sedlmayr nichts zu tun“. Angesprochen auf Sohn Martins Flucht und dessen mögliche Mittäterschaft stellte sie klar: „Das hätte er seiner Freundin und seinem kleinen Sohn niemals angetan. Er liebt sie über alles. Er würde seine Familie niemals ins Unglück stürzen“.

Tatsächlich hatte die Polizei nur einige wenige Indizien vorzuweisen, die allerdings die beiden Brüder schwer belasteten.

Gleich nach seiner Verhaftung ließ Amadeus Wendler seine Vernehmung platzen. “Ich sag’ gar nichts”, eröffnete er den Ermittlern, und ließ seinem Anwalt den Vortritt. Der zuständige Richter schrieb in die Ermittlungsakten: “Der Beschuldigte macht keine Angaben zur Sache. Er wird in die Justizvollzugsanstalt Stadelheim überstellt”. Dort erwartete ihn eine sogenannte Wartezelle, bevor die Gefängnisleitung ihm eine eigene, neun Quadratmeter große Zelle zuweisen konnte.

Von diesem Zeitpunkt an – bis zum Urteil – kam es zu verschiedenen „Offenbarungen“, die Wendler gegenüber einigen Mithäftlingen kundtat, die daraufhin Kontakt zu den Ermittlern hatten: mal belastete er seinen Halbbruder schwer, dann wieder gab er den Mord zu („Hätte er sich vernünftig verhalten, wäre es nicht passiert!“) oder schob die Schuld den „Jugoschweinen“ in die Schuhe. Es ist klar, daß er auf diese Weise die Ermittler weiterhin zum Narren halten wollte. Besonders schoss Wendler sich auf Josef Wilfling ein, den er offensichtlich verachtete. Weil Wilfling ihn durchschaut hatte?

Wendlers Zeugin des letzten Telefonats, das er am Mordtag mit Sedlmayr geführt haben will – seine Sekretärin -, erzählte endlich detailiert, wie sie diesen Moment erlebte: „Ich war in meiner Wohnung. Amadeus rief mich etwa um 9 Uhr an und sagte, daß er mich nochmals anrufen würde. Er würde nachher ein Telefongespräch führen und ich sollte mithören. Über Lautsprecher. (…) Ich sollte in meiner Wohnung über meinen Telefonhörer das Telefonat mit anhören und mitnotieren.“ Doch was ihr dann zu Ohren kam, war lediglich die Stimme Wendlers – nicht die von Walter Sedlmayr! Die Sekretärin: „Herr Wendler sagte sinngemäß, Walter, leg bitte nicht auf. Die Stimme des Gesprächspartners habe ich nicht mithören können.“ In diesem Telefonat ging es um den Zeitungsartikel, der Wendlers kriminelle Spaniensache enthüllte, und darum, daß das Lokal Beim Sedlmayr für den Samstag geschlossen bleiben soll. Die Sekretärin weiter: „Das Gespräch hat einige Minuten gedauert. Dann fragte Amadeus mich, ob ich mitgeschrieben hätte. Ich sagte ihm, daß ich das nicht konnte, da er den Lautsprecher nicht anhatte. (…) Ich habe keine Erklärung dafür, warum Amadeus nicht auf den Lautsprecherknopf gedrückt hatte.“ Weil das Gespräch mit Walter Sedlmayr offenkundig nie stattfand! Nach dieser Aussage vom 7.Oktober 1991 erstellten die Beamten folgende Protokoll-Anmerkung: „Bisher hatte Frau Doris X. mehrfach in den Vernehmungen falsch ausgesagt. Auch zu den Punkten Telefonat Wendler-Sedlmayr und Wendler-Koffer. (Anm.d.Autors: Da ging es um einen schwarzen Aktenkoffer, den die Sekretärin von Wendler am Mordtag in die Hände gedrückt bekam, mit der Anweisung, darauf aufzupassen. Ende 1990 verlangte Wendler den Koffer zurück. Die Sekretärin gab bei der Polizei an, daß sie nichts über den Inhalt wusste.) Ein Ermittlungsverfahren wegen versuchter Strafvereitelung und uneidlichr Falschaussage wird eingeleitet.“

Andere ähnliche Zeugenaussagen, die aus den Ermittlungsakten zu entnehmen sind, lassen darauf schließen, daß Wendler den Mord plante, mindestens zwei Tage lang.

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Die Verhaftung von Amadeus Wendler und die angebliche Fahndung nach seinem Bruder war wieder das große Ereignis für die Presse. Sie veröffentlichte erneut das Foto, auf dem das Messer und der Tathammer abgebildet waren.

Dieses Bild geriet auch in die Hände von Sonja K., Martin Langers langjähriger Freundin (mit ihr hatte Langer einen fünfjährigen Sohn). Sie war außer sich – entsetzt und im Beisein eines V-Mannes, platzte es aus ihr heraus: “Das ist ja unser Hammer!”. Sie und Langer ließen ihn einst bei einem Einbruch mitgehen. Mittlerweile hatten auch andere Zeugen bestätigt, daß der Hammer Martin Langer und Sonja K. gehöre. Sonjas unbedachte Äußerung war das langersehnte Zeichen, auf das die Ermittler in den letzten Monaten so sehr warteten. Auf die Frage des V-Mannes, ob es überhaupt möglich sei, daß Langer mit der Sache etwas zu tun hätte, sagte sie unter Tränen: „Wenn, dann alle zwei“. Außerdem erzählte sie ihm, daß Langer am Tatabend erst um 20 Uhr heimkam, und kurz danach einen Anruf erhielt (von Roland, derjenige, der Wendler das Aggregat für das Spaniengrundstück besorgte) und daraufhin die gemeinsame Wohnung verließ und erst frühmorgens wiederkam.

Martin Langer versuchte indes, sich in den Süden abzusetzen. Seinem Verteidiger Peter C.A. Krauss ließ er eine Nachricht zukommen: “Ich stelle mich erst, wenn der Haftbefehl aufgehoben wird”. Mit einem geliehenen Honda-Motorrad als Fluchtfahrzeug und einer Reisetasche mit Waschzeug und Kleidung bepackt, machte er sich auf, um über die Autobahn München-Garmisch zu verschwinden.

Die Ermittler waren durch den V-Mann  bis ins kleinste Detail informiert. Sie bezogen an der Loisachtalbrücke Stellung und warteten ab, bis Martin Langer schließlich am 12.Juli 1991 an besagter Stelle auftauchte. Durch technische Hilfsmittel gelang es der Kripo, das Motorrad zu stoppen und konnten Langer widerstandslos festnehmen. Im Nachhinein war er sogar erleichtert, daß das nervenaufreibende Versteckspiel endlich ein Ende gefunden hatte. In seiner Vernehmung sagte der 38jährige: “Ich habe mit dem Mord nichts zu tun. Ich ärgere mich über den Haftbefehl, doch andererseits bin ich froh, daß endlich diese Hetzjagt vorbei ist”.

Langer hatte, wie Wendler, eine massive Albilücke. Dann, am 28.März 1992, befand sich Langers Verlobte Sonja auf der Dienststelle der Ermittler. Ihr wurden acht Hammer vorgelegt. Sie nahm einige in die Hand und identifizierte erneut zweifelsfrei den Tathammer: „Bestimmt, das ist er! Das ist unser Hammer!“ Na bitte.

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Wie erwartet schwiegen die beiden Brüder und wiederholten nur ihre einzige Aussage: “Mit dem Mord haben wir nichts zu tun!”. Es bedurfte einiger psychologischer Tricks seitens der Ermittler, um zumindest ein Teilgeständnis aus Martin Langer herauszulocken.

Als Josef Wilfling ihm bei seiner siebten Vernehmung am 26. März 1992 eröffnete, daß sein “bester Freund” in Wahrheit ein Spitzel der Polizei war und sein Bruder Amadeus ihn, Martin, des Mordes an Walter Sedlmayr bezichtigte, brach für den ohnehin geschwächten Langer eine Welt zusammen.² Er bat um Papier und Bleistift, und schrieb – fehlerhaft buchstabiert – den Nachnamen des angeblichen Mörders auf: VABATOVIC. Wilfling bemerkte später, daß sich Martin Langer dabei herausnahm und seine Person gegen eine andere ersetzte. Zwei Tage später widerrief er sein Teilgeständnis.

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Neun Monate lang durchsuchten Kriminaltechniker vom Ermittlungsdienst Walter Sedlmayrs Sieben-Zimmer-Wohnung. Unter anderem stießen sie auf einen 5-Mark-Stück großen Blutfleck, der angetrocknet war, sowie auf zwei blonde Haare. Dank des genetischen Fingerabdrucks konnte zweifelsfrei bewiesen werden, daß der Blutfleck von Amadeus Wendler stammte und die Haare von seinem Halbbruder. Außerdem fand man kleinste rote Stoffpartikel, Flockfaser, an der Peitsche und am Tatmesser, die aus dem Münzkoffer stammten, der aufgebrochen wurde. Genau diese Fasern befanden sich an der Kleidung der beiden Brüder, die sie am Tattag trugen, unter anderem in der Hosentasche Langers. Außerdem fanden die Spezialisten unter dem Waschbecken einen Handballenabdruck Langers, sowie Gips-Micro-Fasern, die man nur unter dem Mikroskop erkennen konnte. Martin Langer hatte zum Tatzeitpunkt nach einer Meniskusoperation sein rechtes Bein geschient – in Gips. Zwei Tage vor dem Mord hatte er das Krankenhaus verlassen.

Einer der V-Männer gab im Februar 1992 zu Protokoll: „Als das in der Zeitung stand, daß man vom Halbbruder Fingerabdrücke im Sedlmayr-Bad, am Waschbecken, gefunden hätte, sagte er zu mir nach langem Grübeln: ‚Daß gibt es nicht, daß Finger da dran sind. Höchstens am Glas. Als er uns was zu trinken angeboten hat. Als wir den Fernseher gebracht haben.‘ Daß mit dem Fernseher kam so nachgeschoben in diesem Satz. Als Erklärung.“ Die Frage, die hier unbeantwortet blieb: wann genau soll das gewesen sein?

Derweil mutmaßten Psychologen, daß die beiden Brüder die Tat niemals gestehen würden. Diplom-Psychologe Christoph Quast spekulierte gegenüber der Münchner tz, daß das noch lange dauern kann: „Er (Amadeus Wendler) hat einen Menschen aus Habgier umgebracht. Auch wenn es vermutlich im Streit passiert ist. Das war eine kaltblütige Tat. Wendler hat ein sehr starkes Nervenkostüm, kann dem Druck (der Ermittler) lange standhalten“. Diplom-Psychologe Thomas Jäger schloss sich dieser These an:“Er hatte ein ganzes Jahr, um sich auf diese Situation einzustellen. In dieser Zeit hat er vor sich selbst eine Rechtfertigung gesucht“. Jäger erklärte, daß sich Wendler jetzt als Opfer der Umstände fühle, und daß vor allem brutale Täter zu Selbstmitleid neigen.

Somit stand ein Indizienprozess an, der am 24.November  1992 eröffnet wurde.

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Am 21.Mai 1993 wurde das Urteil gegen Amadeus Wendler und Martin Langer gefällt. 127 Zeugen wurden während des aufwendigen Prozesses vernommen, darunter mehr als zwölf Sachverständige. Die Anklageschrift war 400 Seiten lang. 27 Bände von Ermittlungsakten wurden durchgewälzt. Wendler machte keinerlei Angaben, sein Bruder bestritt den Mord an Sedlmayr. Die Prozesskosten beliefen sich auf rund DM 200 000.

Das Gericht schlussfolgerte,  daß Martin Langer den Schauspieler mit dem 1000 Gramm schweren Schlosserhammer tötete, und Amadeus Wendler das Messer führte.

Das Tatmotiv erklärte Josef Wilfling später so: „Sedlmayr und sein langjähriger Assistent 〈sic〉 schlossen einen Pachtvertrag für diese Wirtschaft („Beim Sedlmayr“) ab – der war über eine Million wert! Allerdings hatte der Assistent damals eine Verzichtserklärung auf alle Ansprüche unterschrieben für den Fall, dass sie sich wieder trennen. Dieses Papier hatte der Sedlmayr in seinem Tresor. Das musste weg. Uns gegenüber hatte der Assistent dann argumentiert, dass er ohne Sedlmayr pleite sei. Aber das stimmte nicht! Der Vertrag war so aufgesetzt, dass beim Tod einer der beiden Partner Lokal samt Pachtvertrag auf den anderen übergehen sollten. Damit wäre er saniert gewesen“. Fatal: diese eidesstattliche Verzichtserklärung war nicht gültig! Weder Wendler, noch Sedlmayr war dies offenbar bewusst. Außerdem sei angemerkt, daß Wendler als Hehler fungierte, hinter dem weitere Personen steckten. Sedlmayr hatte offenbar telefonisch gedroht, sowohl Wendler, als auch diese Bande auffliegen zu lassen. So zumindest geht das klar aus den Ermittlungsakten hervor. Sedlmayr hatte ihn und andere in der Hand – und musste unter anderem auch deshalb sterben.

Als Richter Heinz Alert das Urteil sprach – lebenslang für beide – rasteten die Brüder aus. Nachdem sie über Monate hinweg den Prozess gefasst verfolgten, brach die geballte Anspannung nun aus ihnen heraus: “Wo bleibt hier die Menschenwürde?”, schrie Wendler, seinen Aktenkoffer in die Luft wirbelnd. “Das höre ich mir nicht länger an! Schweinerei! Pfui! Das Gericht sollte sich schämen!”.

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Die Beschuldigten vor Gericht.

 

Dann wandte er sich aufgebracht an den Staatsanwalt von Wittken: “Fühlen sie sich jetzt gut? Haben sie noch ein ruhiges Gewissen?”. Zu den Wachmännern hinter ihm sagte er: “Ich will weg hier. Hier bleibe ich nicht mehr. Das ist  eine Sauerei”.

Die Brüder Wendler und Langer wurden auf Anordnung des Richters von fünf Wachmännern aus dem Gerichtssaal gebracht.

Während man Langer in Aussicht stellte, nach 15 Jahren wieder auf freien Fuß zu kommen, befand das Gericht bei Amadeus Wendler eine besondere Schwere der Schuld, was es ihm eigentlich unmöglich machen sollte, vorzeitig das Gefängnis verlassen zu können.

Abschließend stellte Richter Alert fest: “Es war ein heimtückischer, vorsätzlicher Mord aus Habgier”.

So endete der Indizienprozess vor dem Schwurgericht München 1.

Die Stimmen nach dem Urteilsspruch waren unterschiedlich. Während Staatsanwalt Jungnick von Wittken betonte, daß das Urteil voll und ganz seinen Erwartungen entspreche, meinte Wendlers Anwalt Thilo Pfordte gegenüber der “Münchner tz”: “Meine Vorbehalte gegen das Urteil bleiben. Ich war zunächst von der Heftigkeit überrascht, mit der die Angeklagten auf das Urteil reagierten. Aber da kam die monatelange Anspannung raus”. Martin Langers Anwalt Peter C.A. Krauss: “Die Reaktion von Langer und Wendler ist verständlich. Ich gehe jetzt zu ihnen, um sie zu trösten”. Auch Sedlmayrs Redenschreiber Hannes Burger hatte Zweifel am Urteil. Dem Autoren schrieb er viele Jahre später: „Was den Kriminalfall Sedlmayr angeht, bin ich der Meinung, daß die verurteilten Brüder, von denen ich den Sedlmayr-Assistenten 〈sic〉 gut kannte, zwar dabei waren, aber nicht die eigentlichen Mörder“. Das Bundesverfassungsgericht rügte später das Urteil des Landgerichts München: „Es sei unfair zustande gekommen“, bezogen auf den Einsatz der V-Leute.

*

Einer jedoch war über das Urteil sicherlich erfreut: Werner Dahms. Es ist nicht bekannt, was anschließend aus ihm wurde. Er hat sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und gilt als unauffindbar. Selbst für eine TV-Reportage des öffentlich-rechtlichen Senders NDR, die sich mit dem Mordfall befasste und sieben Jahre nach dem Urteilsspruch produziert wurde, konnte man ihn nicht gewinnen. Lediglich sein Anwalt Martin Amelung war für ein Interview bereit.³

*

Am 1.Juli 1994 stellten die Verteidiger einen Revisionsantrag, der jedoch einige Tage später zweimal durch den Bundesgerichtshof in Karlsruhe abgelehnt wird.

Ende 1995 schrieb Amadeus Wendler einen Brief an den Arbeitskreis “Kritischer Strafvollzug e.V” aus seiner Zelle in der JVA Straubing heraus, in dem er das Urteil als Willkür des bayerischen Gerichts bezeichnete und die Anstaltsleitung als machtbesessene Juristen und überzogene und unverantwortliche Sicherheitsorgane beschrieb:

“Ich persönlich erlebe, gelinde gesagt, einen ‚Rachevollzug‘! (…) Ein Gefangener, so wie ich, der mit höflicher, sachlicher Schreiberei seine minimalen Rechte wahren möchte, wird sofort als renitent und anstaltsfeindlich betrachtet”.

27.März 1996: Amadeus Wendler verlobt sich im Gefängnis.

Am 29.September 1997 beantragte Wendler und sein Halbbruder ein Wiederaufnhameverfahren. Unter anderem wird vorgebracht, daß es u.a. einen nicht identifizierbaren Fingerabdruck am Deckel der Alarmanlage in der Sedlmayr-Wohnung gab, ein damaliger Mithäftling, dem Wendler gegenüber ein Geständnis abgelegt hat, nicht vertrauenswürdig ist, und das der Täter aus Kreisen des Petar Vrbatovic stammen müsse. Das Wiederaufnahmeverfahren wurde am 10.Juni 1999 abgelehnt.

28.Juli 1999: Amadeus Wendler heiratet im Gefängnis.

Am 30.Juli 1999 gab Wendler der Zeitschrift BUNTE ein rührseliges Interview, in dem er preisgab, daß er als Hilfsarbeiter im Büro der anstaltseigenen Buchbinderei arbeite – was ihm erst nach einem Hungerstreik gewährt wurde! -, in der Zwischenzeit geheiratet hat und in seiner Zelle nur stundenweise schläft. In seinen Träumen unterhalte er sich oft mit Walter Sedlmayr, wacht dann weinend auf und fragt: „Warum, warum, warum nur dieses Unrecht?“. Auch spiele er oft mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen, doch das sei ja feige: „Ich bin Walter, meinem Halbbruder, seiner verstorbenen Schwester Beatrix und meiner Ehefrau schuldig, gegen dieses Fehlurteil zu kämpfen!“

Am 23.August 1999 verfasste Wendler zusammen mit seinem Halbbruder und ihren Anwälten eine Klageschrift wegen Verfassungsbeschwerde vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Diese wurde am 25.März 2000 vom BGH verworfen.

23.Dezember 2003: Wendler verfasst einen Brief an den Richter, der ihn 1993 verurteilt hat. Hier einige Auszüge:

„Mein Blutrichter! Selbstverständlich dürfen auch dieses Jahr meine schriftlichen Gedanken zu Ihrem unsäglichen Fehlurteil nicht fehlen (…). Gottseidank sind nicht alle Richter so menschenunwürdig wie Sie. Klar und deutlich ist festgestellt, daß solche unfähigen Richter wie Sie längst erkannt wurden, doch leider bleiben Sie unantastbar. Dennoch sollten Sie bedenken, daß sich die Wahrheit niemals auf Dauer leugnen lässt. Der Tag der Wahrheitsfindung wird kommen! (…) Ihre Seele möge Sie zu jeder Sekunde plagen. (…) Sie haben sich dem Erfolg verkauft – pfui, pfui, pfui!!!“*

Seit Jahren schon schrieb Wendler ähnliche Briefe an den Richter, die 2003 von der Polizei als „ehrenverletzend, beleidigend und bedrohlich“ eingestuft wurden. Auch erhielt der damalige Richter 1992 Drohanrufe. Selbst Josef Wilfling erhielt sogenannte Schweigetelefonate, und auf einen der damaligen V-Männer wurde geschossen.

 

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¹Nachdem Wendler inhaftiert wurde, bezog seine heroinabhängige Schwester Bea mit ihrem Lebensgefährten Roman M. das Haus in Freimann. Die Polizeibeamten waren bei der Hausdurchsuchung nicht zimperlich und hinterließen ihre ganz eigenen Spuren. Bea nahm Kontakt zu einem ihrer Bekannten auf, einen bayerisch sprechenden Türken namens Birol. Dieser schickte den damals fast 30jährigen Robert Windirsch (Nachname geändert) in das Haus, um die Teppichböden zu reinigen. Der gelernte Elektriker Windirsch erzählte dem Autoren im Sommer 2018: „Die Polizisten hinterließen einen Saustall. Die trampelten durch Erde und Hundekot, den ich dann entfernen musste. Etwa eine Woche hielt ich mich dort auf. Nachdem das Haus verkauft werden musste, wahrscheinlich, um Anwälte  für den anstehenden Prozess zahlen zu können, zog Bea mit ihrem Freund in das Pyramidenhaus in Oberföhring. Ich traf sie da dann noch einige Male, sie war mir sehr sympathisch. Allerdings war sie durch ihre Drogensucht schon ziemlich fertig, was ich sehr schade fand. Bei einem unserer Gespräche meinte sie mir gegenüber, daß sie nicht glaube, daß ihre Brüder schuldig seien“.

²Diese Aussage stammte allerdings nicht von Wendler selbst, sondern von einem Mithäftling, dem er das gestanden haben soll. Hierzu muß angemerkt werden, daß derjenige als notorischer Lügner bekannt gewesen ist.

³Werner Dahms zog im Frühjahr 1991 mit seiner Familie aus Sedlmayrs Landhaus aus, nachdem der Nachlaß ihm zähneknirschend 50 000 Mark ausbezahlte. Jemand, der Dahms auch schon vor dem Mord an Walter Sedlmayr gekannt haben will, schrieb dem Autoren 2018 folgendes: „Über Sedlmayr selbst weiß ich Dir leider nichts an Annekdoten aus erster Hand zu berichten, aber ich war mit Werner Dahms befreundet, der niemals von seiner Anstellung bei Sedlmayr gesprochen hatte. Wir waren alle platt, und Werners Stillschweigen machte ihn irgendwie auch bei uns verdächtig… irrational, gell! Naja, wir waren halt auch schockiert. Und ganz ehrlich : Uns ihm gegenüber angemessen zu verhalten, fiel bei allem geforderten Anstand und der notwendigen Zurückhaltung, solange über Schuld und Unschuld nicht das letzte Wort gefallen war, schlichtweg nicht leicht. Er und ich waren zusammen in einer Ballettklasse, auch wenn man sich bei ihm nie sicher war, wem zuliebe er sich eigentlich mit seinen O-Beinen in diese hautengen, zuletzt obligatorisch verschwitzten Glitzer-Ballett-Hosen quetschte. Seine Ehefrau, eine Französin und ehemalige Primaballerina von der Pariser Staatsoper leitete nach ihrem Karriere-Aus, schließlich hierzulande, nämlich in der Landwehrstraße, unweit vom Stachus also, eine kleine Ballettschule,´Compagnie Ballett Clasique´.
Nach dem ganzen Medientrubel um den Chauffeur und Sekretär des ermordeten Volksschauspielers, der vom Tode seines betuchten Mäzens und Chef überrascht worden war, und sich befleißigt gefühlt hatte ein auf die Schnelle zu seinen eigenen Gunsten ausfallendes Testament zu verfassen/fälschen, und so abschließend als gieriger, zweifelhafter Betrüger in die Sedlmayr-Geschichtsschreibung einzugehen, haben die Dahms bald darauf zusammen mit ihrer Erstgeborenen im Kleinkindalter und dem noch erst kürzlich neugeborenen Sohne das Weite gesucht. Die Ballettschule wurde eiligst geschlossen, und die ganze Kleinfamilie zog mit Sack und Pack weg von München, in die Heimat der Ehefrau – nach Frankreich.“

*Die komplette Abschrift des Briefes ist im Buch ‚Die Mordakte Walter Sedlmayr‘ von Petra Cichos nachzulesen.

8.- 2004: Der dritte Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens


“Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr!” -Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), deutscher Dichter der Klassik


 

Am 6.Oktober 2004 war der “Mordfall Sedlmayr” wieder in aller Munde. Die BILD-Zeitung titelte:

NEUE BEWEISE AUFGETAUCHT! SEDLMAYRS
MÖRDER UNSCHULDIG?

Doch so neu waren die Beweise nicht. Schon 1998 konnte der Fingerabdruck an Walter Sedlmayrs Badezimmertür mit Hilfe des AFIS-Abgleichs (automatisches Fingerabdrucksystem) dem Ingolstädter Ralf Z. zugeordnet werden, einem vorbestraften Bankräuber, der 30 Jahre alt war, als Walter Sedlmayr ermordet wurde. ¹ Diese Fingerspur befand sich an der Bad-Türklinke, obere Leiste.

Bereits 2001 ist Josef Wilfling mit einem weiteren Beamten der Münchner Mordkommission nach Marbella geflogen, wohin sich Ralf Z. unmittelbar nach dem Mord absetzte, um ihn zu befragen. Doch er gab an, niemals in der Wohnung gewesen zu sein.

„Diese Aussage dürfte nicht stimmen“, legte sich Oberstaatsanwalt Winkler fest. Wilfling war von der Aussage von Z. nicht überrascht: “Ralf Z. wollte in die Sache nicht hineingezogen werden, so wie andere Zeugen auch”. Der Münchener Oberstaatsanwalt Anton Winkler bestätigte gegenüber der Presse: „Wir gehen Gerüchten nach, wonach der 44jährige am Mord beteiligt war“.

Martin Langer, der den Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens im September 2004 in die Wege leitete, war sich sicher, daß “in Kenntnis der nunmehrigen Sachlage Ralf Z. wegen Mordes an Herrn Sedlmayr verurteilt worden wäre”.

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Alte Bekannte von Ralf Z. munkelten schon damals, daß dieser in die Sache verwickelt sein könnte. Und die neuen Ergebnisse sprachen eindeutig gegen Z. und dessen fadenscheinige Aussage. Unter anderem beteuerte Sedlmayrs damalige Haushälterin Ingrid Glatz, daß sie einen Tag vor dem Mord in der Wohnung geputzt habe, so auch die Innenseite der Tür zum Duschraum, wo die Ermittler dann den Fingerabdruck fanden.

Doch inwieweit war Ralf Z. eigentlich mit Walter Sedlmayr bekannt und um wen genau handelt es sich? Z. wuchs in einem Vorort Ingolstadts auf, machte eine Ausbildung zum Bankkaufmann, glitt dann in die Kriminalität ab. Nachdem Z. mitte der 80er Jahre mehrere Banken in Deutschland und Frankreich, und in München mit Axt und Gummiknüppel einen Arzt in dessen Praxis überfallen hat, wurde er am 21.Juli 1986 wegen versuchter räuberischer Erpressung vom Landgericht München II bis 1989 in den Bau geschickt. Außerdem handelte er mit Waffen. Im Knast lernte er Roman M. kennen, der wiederum mit Wendlers Schwester Bea liiert war.²

Wieder in Freiheit, arbeitete Ralf Z. als Platzanweiser in der Münchner Kneipe “Chapeau Claque”. Eine damalige Freundin: “Er war ein Charmeur, ein absoluter Aufreißertyp. Schwul war der nie im Leben. Wenn Ralf in Sedlmayrs Wohnung gewesen sein soll, dann auf keinen Fall, weil er ein Verhältnis mit ihm hatte”. Vielleicht aber, weil er verräterische Dokumente verschwinden lassen musste? Auf Bekannte, denen er zuvor noch Waffen verkaufen wollte, wirkte er vollkommen verändert: „Er wollte keine Waffen mehr verkaufen“, gaben sie später bei der Polizei zu Protokoll.

In der Nacht vom 14. auf den 15.Juli 1990, wenige Stunden nach dem Mord, besuchte Ralf Z. mit Roman M. (der just an diesem Wochenende Hafturlaub hatte) einen Boxkampf. Tags darauf verließ er fluchtartig Deutschland und baute sich in Marbella eine neue Existenz auf. Und Roman M. wurde, laut Pressebericht, später mit einer Armbanduhr gesehen, die aus dem Besitz Sedlmayrs spurlos verschwunden ist! Außerdem konnte er für den Zeitraum, in dem Walter Sedlmayr starb, kein Alibi vorweisen.³

Im Oktober 2004 machte ein Mithäftling von Manfred Langer die Ermittler darauf aufmerksam, daß dieser seinen Halbbruder Amadeus Wendler etwa neun Monate zuvor besuchen durfte. Langer kam nach dem Treffen wutschnaubend zurück, da Wendler ihm eröffnete, daß er damals schon, während des Prozess, am Handgelenk von Roman M., die gestohlene Sedlmayr-Uhr erkannt hatte, aber dieses Wissen für sich behielt. Der Mithäftling: „Langer konnte nicht verstehen, warum Wendler auch heute noch nicht bereit ist, das zu sagen. Allerdings wollte der Halbbruder es auch nicht der Polizei sagen, sondern es nach seiner Entlassung publik machen. Um darauf hinzuweisen, daß man die Spur nicht richtig verfolgt hat.(…) Der Halbbruder hält diesen Roman M. für sehr gefährlich und dessen Kontakte. Er hat Angst, daß seiner Familie etwas passieren könnte, so lange er im Gefängnis ist und nicht auf diese aufpassen kann. Das Verhältnis zu der Sonja ist übrigens beendet. Allerdings ist der Kontakt zum Sohn gut. Der ist ja inzwischen 18 Jahre alt. Sie schreiben sich viel und der Sohn besucht ihn oft.(…) Der Halbbruder hat immer wieder zu mir gesagt, daß er unschuldig ist. Daß er nicht der Mörder ist. Er hat aber auch nicht gesagt, daß er gar nicht am Tatort war. Über den Amadeus sagte er nur, daß bei dem alles möglich ist.(…) Der Halbbruder will die ganze Sache selbst aufklären, sobald er frei ist.“

In einem Aktenvermerk vom 22.Juni 2001 ist über Roman M. und dessen Verbindung zu Ralf Z. u.a. folgendes nachzulesen:

— Roman war mit Amadeus Wendler befreundet. Roman war vorbestraft. Vom Freitag, 13.Juli 1990 von 18 Uhr 15 bis Sonntag, 15.Juli 1990 um 19 Uhr Hafturlaub. Roman war mit Claudia befreundet (Schwester von Jürgen). Roman sagte damals aus, daß er seinen Hafturlaub bei Jürgen verbracht hat. Diese Claudia lag im Krankenhaus. Mittags hätte der Roman und Jürgen und dessen Mutter die Claudia im Krankenhaus besucht. Gegen 17 Uhr 30 wäre Roman dann in seine eigene Wohnung (Behmstraße), um sich umzuziehen. Gegen 18 Uhr Treffen mit Jürgen und seinem Freund Rudolf im Cafè „Zoo“. Dieses Cafè befindet sich (…) nicht unweit der Elisabethstraße. Gegen 19 Uhr ist Roman angeblich wieder in seine Wohnung, um auf einen Autokaufinteressenten zu warten. Der Interessent kam nicht. Gegen 20 Uhr 30 Eintreffen in der „Boxfabrik“. Anschauen Boxkampf. 22 Uhr mit Jürgen in die Holzstraße.

— Roman war der engste Freund von Amadeus Wendler. Fraglich ist, warum man sich im Cafè getroffen haben will. Roman sagte, daß er den Rudolf vorher nicht gekannt haben will. Fest steht, daß beide vom 14.Oktober 1983 bis 3.April 1984 in der JVA Landsberg waren. Fest steht auch, daß es Alibizweifel gibt.

— Die Verbindung Ralf und Jürgen war bis zur Identifizierung Fingerspur den Ermittlern nicht bekannt. Haftzeiten Ralf und Roman überschneiden sich. Ralf war von 1985 bis 1989 Landsberg inhaftiert. Roman 1988 bis 1990. Daß sie sich gekannt haben, liegt nahe.

— Die Verbindung Roman, Jürgen und Rudolf blieb auch nach der Wendler-Verurteilung. Es liegen Erkenntnisse vor, daß dieses Trio das „Futterhäusl“ (welches Wendler gehörte und von Schwester Beatrix geführt wurde) illegal übernommen hat.

— Auffallend ist, daß Ralf Z. am Tag nach der Mordtag nach Spanien geflogen ist.

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*

Zurück zu Ralf Z. und ins sonnige Spanien. Wilfling und sein Kollege waren, als sie am Dienstag, den 18.September 2001 in Marbella auf Ralf Z. trafen, faktisch die Hände gebunden. An der Vernehmung nahmen insgesamt acht Personen teil, inklusive zwei Anwälte von Ralf Z. Es wurde den beiden deutschen Kommissaren zwar gestattet, Fragen auf Deutsch zu stellen, geantwortet wurde jedoch auf Spanisch, ein Dolmetscher übersetzte. Es fiel auf, daß nicht alle Antworten von Ralf Z. ins Protokoll aufgenommen wurden. Als Wilfling darauf hinwieß, bekam er zur Antwort, daß die deutschen Ermittler keine Kompetenz hätten. Im weiteren Verlauf dieses Treffens leugnete Ralf Z. die Tat und sei auch niemals in der Wohnung Sedlmayrs gewesen. Daß sein Fingerabdruck dort gefunden worden sei, so Ralf, sei sicher nur ein „mieser Trick“ der Polizei. Aber sicher. Eine Bekanntschaft mit Roman M., Jürgen und Rudolf räumte er ein. Tags darauf klingelten die beiden deutschen Ermittler an der Wohnadresse von Ralf Z. Zu ihrem großen Erstaunen öffnete ihnen – Jürgen! Siehe da – die Person, die Roman M. für die Tatzeit ein Alibi gab! Dieser wurde, als er Josef Wilfling und dessen Kollege sah, kreidebleich und fing zu stammeln an. Nach einem kurzen Wortwechsel schlug dieser panisch die Haustür zu und verschanzte sich im Haus. Im späteren Verlauf des Tages informierte der spanische Dolmetscher großspurig  Wilfling, daß Ralf Z. sich bei den spanischen Behörden über das „Eindringen auf seinem spanischen Grundstück“ beschwert hat und Anzeige erstatten wolle. Am Abend, als die deutschen und spanischen Polizeibeamten ein letztes Mal miteinander Kontakt hatten, belehrten die spanischen Kollegen, daß sie aus polizeilicher Sicht Verständnis für die „Aktion“ der deutschen Kollegen hätten, juristisch gesehen sei das Vorgehen aber problematisch. Ah ja. Es sei noch erwähnt, daß Ralf Z. zu diesem Zeitpunkt eine Baufirma besaß, die einen Jahresumsatz von 60 Millionen DM erzielte. Money beats soul, völlig klar.

*

Am Freitag, den 15.April 2005 lehnte man den dritten Wiederaufnahmeantrag von Martin Langer und Amadeus Wendler (der sich Wochen später seinem Bruder anschloss) ab.

Das Landgericht Augsburg entschied, daß keine neuen Beweismittel vorlägen, die zu einer milderen Strafe oder gar zu einem Freispruch der verurteilten Brüder führen könnten. Es gebe „keine neuen Tatsachen oder Beweismittel“, die das gefällte Urteil von 1993 „aus den Angeln heben würden“, so Richter Wolfgang Rothermel. Daß aber vielleicht der wahre Mörder immer noch unbehelligt seine Freiheit genießen darf, scheint man gerne in Kauf zu nehmen.

Doch bald schon werden sie frei sein: Amadeus Wendler ließ sich 2002 in eine hessische JVA verlegen (nachdem er 1999 seine Jugendliebe Gertrude heiratete und diese dann nach Hessen umzog, wo günstigere Haftbedingungen vorherrschen) und muß laut Beschluß AZ 7 StVK279/03 insgesamt nur 16 Jahre absitzen, die im Juli 2007 vorüber sind – ein cleverer Schachzug!

Martin Langer, der in der JVA Straubing einsitzt, hat es nicht so glücklich getroffen: nachdem ihm ein Gutachter eine gute soziale Prognose bescheinigt hat und das Landgericht Augsburg ihn ab November 2006 freigelassen hätte, stoppte das Oberlandgericht Nürnberg die vorzeitige Entlassung Langers. Dieses verlangt nun, Sommer 2006, ein neues forensisches Gutachten, das die Gefährlichkeit Langers genauestens prüfen soll. Langers Anwalt Peter C.A. Krauss gibt sich indes siegessicher: “Ende 2006 wird Martin Langer entlassen!”. (Nachtrag: Amadeus Wendler wurde im August 2007, Martin Langer im Januar 2008 aus der Haft entlassen.)

Und der Mord an Walter Sedlmayr ist immer noch nicht restlos aufgeklärt und wird wohl auch in Zukunft für einigen Gesprächsstoff sorgen.

 

¹Die vollständigen Nachnamen von Ralf Z. und Roman M. hat die Presse nie bekanntgegeben.

²Beatrix, die Schwester von Wendler und Langer, ist im März 1995 an einer Überdosis Medikamente verstorben. Sie arbeitete 1990 in der Bar “Schmuckkastl’” in Unterföhring, wo Wendler Stammgast  gewesen ist. Unmittelbar nach dem Mord kündigte sie, und auch ihr Bruder ließ sich dort nicht mehr blicken. Sie lebte bis kurz vor ihrem Tod mit dem gewalttätigen Roman M. zusammen, der sie regelmäßig misshandelt haben soll. Während des Prozesses gegen die Halbbrüder drohte er ihr, ihren neunjährigen Sohn, die Mutter und sie selbst derart krankenhausreif schlagen, daß sie ihres Lebens nicht mehr froh wird, wenn sie vor Gericht aussagen und die Wahrheit erzählen würde. Unmittelbar vor ihrem Tod flüchtete sie vor ihm, wollte schließlich auspacken. So jedenfalls behauptete es ein Anwalt der Familie Wendler in einem Brief, der an die Kriminalpolizei München gerichtet, und auf den 19.März 1995 datiert war.

³Eine deutsche Tageszeitung war 2004 Ralf Z. auf der Spur und fand heraus, daß er in Marbella das große Geld gemacht hat. Bei offenbar zwielichtigen Auto- und Immobiliengeschäften soll er Millionen gemacht haben, außerdem verleite Z. Geld – mit hohen Zinsen – an Spieler, denen in den dortigen Casinos die Kohle ausging. Im Jahre 2004 lebte er mit seiner schwedischen Geliebten Franziska in einer 400-qm-Villa in Nueva Andalucia, einem exklusiven Wohngebiet in Marbella. Jemand, der namentlich nicht erwähnt werden wollte, beschrieb Ralf Z. folgendermaßen: „Er hat mein Leben bedroht. Der Mann ist brandgefährlich, sehr verhemmt. Einer, der über alles wegsteigt!“. Ein anderer war noch direkter: „Wenn Sie den an der Backe haben, das ist wie AIDS im Endstadium“.

Stand: 3.Juli 2006

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